Samstag, 13. April 2019

Der Ratzinger, die Homosexualität und die 68er

Joseph Aloisius Ratzinger aus Bayern, vormals ein Papst der römisch-katholischen Kirche, hat im Februar am Anti-Missbrauchsgipfel des Vatikans teilgenommen und dabei Notizen gemacht. In der Folge hat er wohl diese Notizen mit früheren Gedanken verknüpft und aus alldem für die April-Ausgabe des Bayerischen „Klerusblatts“ einen Aufsatz verfasst. Eigentlich ganz unbedeutend, aber natürlich ein Fressen für Berichterstattung, harmlose bis bissige Bonmots und simpel zu verfassende Kommentare in Medien vom Spiegel bis zum Visagebuch.

In dem Text fragt sich Ratzinger ganz ernsthaft, wie es in der ja eigentlich heiligengeistlich beschützten katholischen Kirche zu so einem flächendeckenden Missbrauchsphänomen kommen konnte. Als Hauptursache ermittelt er die Abwesenheit des heiligen Geistes und, weil in der christlichen Theologie der heilige Geist Gott und Gott zwar allumfassend aber trotzdem nicht schuldfähig ist, die (weltlich-westliche) Menschheit als Schuldigen an der Vertreibung des letzteren.

Im besonderen erwähnt er den sogenannten österreichischen Sexkoffer, die sexuelle Revolution, den Materialismus und die Erfinder von das alles, die sogenannten 68er, die bekanntermaßen ja auch für den Ruin von Post, Bahn, der verstaatlichen Stahlindustrie und an allem möglichen anderen vom Verfall der Werte bis zur "Ausländer Rein"-Bewegung die Verantwortung tragen.

Ratzinger ist Vergangenheit und die muss schon noch weiter verarbeitet werden, wie man sagt. Ich glaube aber nicht, dass sich die RKK in absehbarer Zukunft nochmals einen so bescheuerten Papst wie Ratzinger leisten wird. Wie das mit den Bischöfen in der Zukunft aussehen wird, ist ein wenig unklarer. Die waren in der Vergangenheit öfter mal über dem Durchschnitt gescheit aber nicht selten mit riesigen blinden Flecken und einem krass verzerrten Weltbild "gesegnet". Und das hat nolens volens Konsequenzen.

Mir ging, während ich über all diese sehr humanistischen Äußerungen und lustigen Kommentare gestolpert bin, meine Jugend in Vorarlberg durch den Kopf. Heutzutage habe ich nur mehr selten - und dann meist sehr freundliche aber recht oberflächliche - Begegnungen mit der RKK. Damals aber griff sie vom 5. bis zum 15. Lebensjahr schon noch ziemlich in meinen Material-Boy-Alltag ein.

Meine kursorischen Notizen zur "Kirche zum Anfassen"

Ich dachte mir zum Beispiel: Ist doch wohl alles nix gegen den früheren gütigen Marianums-Rektor und nachmaligen Vorarlberger Bischof Elmar Fischer, der im Regionalradio-Interview Homosexualität schon mal zwar für eine Krankheit, dafür aber gleichzeitig auch für heilbar hielt. Fischer war von 1970-1982 Rektor des diözesanen Studieninternates Marianum in Bregenz, 1974-1990 Direktor der staatlich anerkannten diözesanen Lehranstalt für Ehe-Familien- und Lebensberater; 1979-1990 Leiter des Ehe- und Familienzentrums der Diözese Feldkirch.

Nach meinen eigenen - natürlich leicht verzerrten - Erinnerungen hat Fischer in seiner Aufsichtsfunktion zwar eher indirekt aber dafür ganz ordentlich zur themen-entsprechenden Herrichtung eines gewissen Teils des dortigen Kaplan- und Pfarrer-Nachwuchses beigetragen. Elmar Fischer kam später wegen seiner Anmerkungen über "gesunde Watschen" unter Druck. Die bewirkten nämlich, dass den vielen solchen, die er in seinen Funktionen in der Kirche und bei den Pfadfindern verteilt hatte, eine Zeitlang nachgegangen wurde, aber - soweit ich weiß - nie wegen Sexualmissbrauchsvorfällen in seinem Wirkungsbereich. Er war diesbezüglich nach meinem Wissensstand auch kein Täter aber sicher mindestens ein Wegseher.

1973 war das Jahr, als ich zum ersten Mal dieses Problem der vielleicht immer noch bedeutsamsten Organisation der Welt mitgeschnitten habe und zwar durch Erzählungen von Klassenkameraden, die während des Schuljahres im Marianum lebten. Und ich war damals nicht der Einzige, der mindestens einige der Opfer und ihre Eltern für irgendwie mitbeteiligt und den diskreten Austritt aus der Institution für die beste Lösung hielt. Aus meiner gemischten Externats- und Internats-Klasse haben es bis zur Sechsten mehr als die Hälfte der Mitschüler geschafft, ihren katholischen Eltern den Austritt abzuringen. Und keiner ging zur Polizei, außer einer. Der wurde von den intern Verbliebenen nach der Matura als einziger nicht Priester sondern Polizeioffizier.

Meine Gedanken zur journalistischen Aufarbeitung

Als mein Pate und Onkel, wie Fischer auch Mitglied der hiesigen Bischofskonferenz, in einem Gegeninterview des gleichen Regionalradio-Senders meinte, dass der Kollege vielleicht einmal auch neuere Fachliteratur zur Hand nehmen solle und dass in einem Ländchen mit 600 Kirchen und Kapellen unter Umständen doch genügend Platz für ein 2. oder gar 3. Minarett sein sollte, hagelte es von klarnamenfreien Todesdrohungen bis zu klarnamengeregelten Anwürfen und Schmähungen alles - und das in rauhen Mengen.

Das irgendwie liberale Interview nützte meinem Onkel gar nichts, weil kurze Zeit später aufgedeckt wurde, dass er als Chef eines Klosters und Internats, in dem mehr als ein Missbrauch stattfand, im Jahr 1982 zumindest Beihilfe zur damals von den Eltern des Betroffenen mitgetragenen und - wie ich glaube - gewünschten erfolgreichen Vertuschung geleistet hatte. Man kann sich vorstellen, dass sein bis dahin makelloser Ruf nachhaltig ruiniert war und zudem die Nerven seines Nachfolgers ebenso nachhaltig ruiniert wurden. Jener war zum Zeitpunkt des ersten verhandelten Vorfalls noch gar nicht geboren und beim letzten Ereignis ein 12-jähriger Junge in Südafrika. Das Opfer wiederum war nach Aussage seines Anwalts beim ersten Vorfall 14 und beim letzten 28 Jahre alt.

Sein Vorgänger habe ihm über den Täter und dessen Vorgeschichte nichts hinterlassen und in den Personalakten sei auch nichts ersichtlich gewesen sagt mein Onkel und ich neige dazu, ihm das zu glauben. Geahnt hat er sicher etwas, das taten damals viele. Es gab ja immer auch kleine "harmlose" Probleme mit "grauslichem" Verhalten von "Einzelnen" in diesen Instituten. Anpassung an die Umwelt verhinderte aber stets eine "allzu scharfe" Bekämpfung der Sache und der Täter.

Meine persönliche Haltung und Einschätzung dazu

Mir ist irgendwie schon in den 70er Jahren vieles an der RKK ganz und gar nicht verständlich und zuweilen auch richtig widerlich gewesen. Eines sah ich aber auch damals schon so: Für das Leid der vielen im Rahmen von organisierten Religionen Missbrauchten, sei es durch prügelnde katholische und buddhistische Mönche, Nonnen, Lehrer, Rabbiner und Imame oder durch allzu kinderliebende, häufig gleichgeschlechtlich orientierte Funktionäre dieser religiösen Organisationen tragen eindeutig die Eltern der Betroffenen die Hauptverantwortung.

Die sind in meinen Augen einfach viel mehr verantwortlich für ihre Kinder als jeder Lehrer oder jede sonstige institutionelle Aufsichtsperson und dafür, dass das alles passieren konnte. Es beginnt damit, dass sie ihre Kinder in solche Ski-Gymnasien, Ballet-Akademien, Elite-Schulen und Internate stecken, es geht über das Nicht-Ernst-nehmen von Kinderworten und anderen Signalen und reicht bis zur regelmäßigen Veranlassung von und Mitwirkung an Vertuschungen. Das macht die Täter nicht weniger schuldig und lässt deren Verantwortung nicht verschwinden. Es muss dennoch einmal gesagt und geschrieben werden.

"Der Verfahrenshelfer des Opfers erklärte, sein Mandant sei von seinen Eltern in gutem Glauben in die Obhut des Klosters gegeben worden." stand bei der Aufdeckung in der APA und vielen österreichischen Medien. Ich kenne niemanden, der ausreichend mit solchen kirchlichen Einrichtungen in den 60er und 70er Jahren zu tun hatte, der nichts über Gewalt und Missbrauch (muss nicht sexuell sein) in solchen Institutionen wusste. Wer sein Kind in ein Internat steckte, akzeptierte natürlich nicht direkten sexuellen Missbrauch, anderen Missbrauch aber durchaus. Dieser Aspekt kommt bei unseren aufgeklärten heutigen Journalisten und anderen Posterinnen einfach viel zu wenig nicht vor.

Sie stürzen sich allzu gerne auf die medial schon bekannten Protagonisten und sind bei den vielen Mitwirkenden auf dem Eigengruppen-Auge blind und denkfaul, auf dem Fremdgruppen-Auge dagegen arrogant und unkritisch kritisch. Mein guter Onkel hatte sicher auch solche blinde Flecken und wahrscheinlich nicht zu knapp, das macht aber das andere nicht besser.

Für's richtige Kennenlernen der echten 68er bin ich zu jung. Dani Cohn-Bendit und Joschka Fischer kenn' ich nur aus dem Fernsehen und Ulrike Meinhof sowie Gudrun Ensslin nur aus Büchern und ganz wenig Archivmaterial. Aber auch vieles an der "humanistisch-demokratischen" Linken der 70er und 80er Jahre konnte ich schon damals und kann ich bis heute nicht verstehen. Ihr geht irgendwie ab, was Alain Finkielkraut einmal als "Denken bis es wirklich weh tut" bezeichnete.

Die 68er sind zum schönen Teil schon in Pension. Die mehr rechten und die mehr linken Post-68er, zu denen ich selbst gehöre und die gerade noch auf vielen einflussreichen Positionen sitzen, die kann ich irgendwie gar nicht mehr so gut unterscheiden, manchmal nicht einmal, wenn ich ihre Vergangenheit kenne. Aber abgesehen von eher wenigen - man denke nur einmal an Otto Mühl - begingen wir die sexuellen Grauslichkeiten, die nicht so selten waren und sind, doch mehr unter uns sogenannten Erwachsenen.

Wir waren ja nicht zum Zölibat verpflichtet und wollten die Monogamie nicht nur für die Männer sondern nun auch für die Frauen aufgehoben wissen. Meine Gefühle zum Phänomen des weltweiten Kindesmissbrauchs aber auch zu seiner medialen Aufarbeitung konnte und kann ich aber leider nur so ausdrücken: Wäähhhh!

PS: Den sogenannten Sexkoffer hat der erwähnte Onkel im Gegensatz zu meinem anderen - sozialdemokratischen - Onkel bei Kaffeejausen in der zum Teil auch recht konservativen Verwandtschaft immer demonstrativ befürwortet. Vielleicht, weil er schon in seinen ersten Jahren als Klosterleiter mit solchen Sachen konfrontiert war. Oder vielleicht, weil er trotz Soutane auch so ein heimlicher Prä-68er-Zweites-Vatikanum-Fanatiker war. Wie sagt man? Alles ist möglich.

Und die Homosexualität, ja die kommt in der sogenannten Natur einfach recht häufig und gerne vor.

plink, nix,    praise or blame!
 

 
last updated: 25.06.19 22:16
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Und noch etwas
Die Schutzkleidung ist ein großes Problem. Sie verhindert allzu oft, dass mann mit andere Säugetieren gut umgehen kann.
by StefanL (26.05.19 07:09)
Yeah
U get 1 big smile from me 4 that comment! And yes, i do not like embedded except it is good like this. It's like....
by StefanL (19.05.19 16:30)
Mustererkennung
Just saying. #esc #strachevideo pic.twitter.com/OIhS893CNr— Helene Voglreiter (@HeeLene) May 19, 2019 (Sorry, falls embedded asocial media unerwünscht ist…)
by tobi (19.05.19 10:57)
Yeah
That's an adequate comment! Und das erste Zitat ein ganz besonders tolles Beispiel für den "Umschlag von Quantität in Qualität".
by MaryW (15.05.19 19:57)
...
In the future everyone will be famous for fifteen people. – Momus You’ll always be a planet to me, Mr Bacchus. – Charon Fußnote! Find....
by tobi (15.05.19 14:07)
Now
I think I maybe know what you meant. It is the present we know best and the future we invent. And history is mostly used....
by StefanL (13.05.19 00:55)
...
???
by StefanL (05.05.19 21:15)
...
what about hindsight is 20/20?
by tobi (05.05.19 14:00)
Ja echt.
Vielleicht schaffen wir es aber ja wieder einmal auf ein Konzert zusammen.
by StefanL (01.05.19 05:55)
...
oh schade, verpasst…
by tobi (30.04.19 09:07)
...
Als ethnische Gruppe bezeichnete Max Weber eine "Menschengruppe, welche auf Grund von Ähnlichkeiten des äußeren Habitus oder der Sitten oder beider ... einen subjektiven Glauben....
by StefanL (28.04.19 07:28)
vielleicht aber
hat er auch während des Moderierens seinen Text sozusagen live in die Wikipedia kopiert? (leider wird diese theorie durch überprüfung der datenlage nicht unbedingt erhärtet.)
by chris (30.03.19 09:08)
d'accord
👍
by misc (28.03.19 09:28)
...
Na, heute wird er nicht weinen, sondern die Korken knallen lassen. Aber bald wird er wieder weinen, nämlich wenn er mit Verspätung merkt, dass der....
by ArchibaldL (27.03.19 06:15)
...
mal sehen, ob Döpfner noch weint, wenn heute die Abstimmung im EUP gelaufen ist…
by tobi (26.03.19 08:42)
Großbritannien
wäre auch ein gutes Beispiel. Trotz Mehrheitswahlrecht Koalition. Aber Du hast insoferne natürlich schon recht, weil ja die 10-Parteien-Demokratie eher der Normalfall ist als die....
by StefanL (25.03.19 21:50)
...
das system zentralregierung ist mir ein rätsel. selbst oder vor allem nach der lektüre von e.p. thompson, "the making of the english working class". bin....
by motzes (25.03.19 19:31)
von hinten aufrollend
energy:harvesting energy is ein nettes konzept des letzten jahrzehntes, für energieschluckendes kleinvieh. wahlergebnisse:bei mehr antretenden parteien geht sich seltener eine absolute aus, odr? die geschichte....
by motzes (24.03.19 17:16)
Hmm
Wir haben Ihre Kritik jetzt doch ernst genommen und einen Satz und einen Absatz eingefügt. Da war wirklich trotz der sehr engen und kompetenten Zielgruppe....
by StefanL (24.03.19 08:29)
Danke
Was fehlt? Ist extra nach einer klassischen McLuhan-Bacon Regel elliptisch, damit die geneigte Leserin eigene Schlüsse ziehen und eigene Recherchen anstellen kann.
by StefanL (24.03.19 08:28)

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