Messung und Intuition

Messung, Intuition, Vertrauen, Komplexität, Teil 3

Viele Felder menschlicher Tätigkeit schienen sich stets gegen das Messen zu sträuben, andere dagegen können schon lange nicht mehr ohne es auskommen.

Die Methoden der Markt-, Medien- und Meinungsforschung haben es mit sich gebracht, dass auch schwer messbaren Dingen wie Mitarbeiterzufriedenheit und Führungsqualitäten quantisierend zu Leibe gerückt wird. Inzwischen werden solche Qualitäten nicht mehr nur von hierarchischen Vorgesetzten-Ketten durch subjektive Beurteilung und aus bestimmten Arbeitsergebnissen (z.B. Siegstatistik für Trainer, Verkaufszahlen für Sales Manager) bewertet. Periodische Umfragen in Unternehmen und statistische Vergleiche helfen allenthalben, auch einen schönen Teil dieser "weichen" menschlichen Qualitäten zu quantifizieren und zu vergleichen.

Im Sport war das immer nötig, weswegen die Jury und die Stilnote schon seit der Antike zum Einsatz kommen. Summierung und Mittelwertbildung führen hier zu Eindeutigkeit und Reihung, deren Richtigkeit durch Übereinkunft und Regel gesichert und von den Verlierern trotzdem nicht selten angezweifelt wird.

Mehr Daten um welchen Preis?

Die unglaubliche Verbesserung und Verbilligung von Sensoren, die einzelne Aspekte physikalischer Phänomene abertausende Male pro Sekunde mit Referenzwerten vergleichen, die Vergleichsergebnisse als binäre Werte festhalten und für die Ewigkeit speichern oder schnell durch Aggregation verdichten, hat vieles dem Messen zugänglich gemacht, was vor der Silikon-Technologie und dem Wirken von Moore's Law entweder technisch oder ökonomisch der Beobachtung und Quantifizierung entzogen war.

Die Debatte um Quantifizierung als Grundlage für wirtschaftliche und politische Entscheidungen hat seit den Erfolgen von Google, Amazon, Facebook und Co. einen ganz schönen Bias bekommen. Daten werden allenthalben als das Öl der Zukunft bezeichnet. Viele wissen heute vage, dass schon vor den aktuellen Entwicklungen Walmart mittels eines geradezu magischen Big Data Warehousing die Konkurrenz das Fürchten gelehrt hat. Nicht wenige vermuten, dass die NSA mit ihren Messdaten die ganze Welt durchblickt und beherrscht.

Die Europäische Union möchte zwar gemäß alter Prinzipien die Privatsphäre ihrer Bürger vor allzu schlimmer und vollständiger Durchleuchtung und Vermessung durch ausländische Mächte und Konzerne schützen, aber keinesfalls riskieren, dass die europäische Wirtschaft nicht auch ihr Zukunftsöl ausgraben und einsetzten kann. Sie kommt dabei einigermaßen hilflos über die Bühne. Einzelkämpfer mühen sich ab, Gefahren aufzuzeigen, aber die unermessliche Verbreitung der Messsensoren hat noch keiner unterbunden. Zu groß erscheinen die erwarteten Vorteile bislang sowohl den Mehrheiten als auch den meisten Eliten.

Messen und Entscheiden

In seinem Buch "How to Measure Anything: Finding the Value of 'Intangibles' in Business"hat Douglas W. Hubbard, der "Erfinder" von Applied Information Economics einer umfassenden Quantifizierungsphilosophie Ausdruck und Anspruch verliehen.

Messen ist wirklich oft wertvoll, weil es hilft, das direkte erfahrungsbasierte Erfassen, das gemeinhin Intuition genannt wird zu überprüfen. Oft befördert gerade da, wo nie gemessen wurde und per Übereinkunft ein etabliertes und für sicher gehaltenes "Wissen" die Einschätzung beherrschte, die Kreation und experimentelle Prüfung von Metriken einen Wissensschub. Man denke nur an den Äther und Lichtgeschwindigkeit. Oder an die Medien- und Meinungsforschung, die Erkenntnisse zu Tage förderten, auf die akademischen und politische Eliten mittels ihrer Intuition in 1000 Jahren nicht gekommen wären.

“No matter how ‘fuzzy’ the measurement is, it’s still a measurement if it tells you more than you knew before.”, ist zu Recht ein Schlüsselsatz in Hubbard's Buch, das aber natürlich wie alle ähnlichen Werke zwar Vorkehrungen zur Prüfung von Erkenntnissen enthält, aber auch sehr oft vergisst, wie problematisch sowohl die Ordnungsstruktur, die Werte und die Anwendung von Wissen und Knowledge sein kann und wie Gehirn und Kollektive von kommunizierenden Körpern und Gehirnen wirklich funktionieren.

Auf der anderen Seite hat Daniel Kahneman, der erste Psychologe, der 2002 gemeinsam mit Vernon L. Smith 2002 den "Nobel Memorial Prize in Economic Sciences" gewann, hat eine Reihe von Ergebnissen neuerer Forschung zu Entscheidungsfindung, Risikobewertung und ähnlichem in "Thinking, Fast and Slow" für interessierte und vorgebildete Menschen verständlich dargestellt. Er hat, man kann das wohl so sagen, mit diesem Buch dem Mythos vom Menschen und speziell vom Elitemenschen als "zoon logikon" und "animal rationale", und damit einem Dogma der klassischen Ökonomie, eine auch für das breitere Publikum schwer zu übersehende Kerbe zugefügt.

Messung und Intuition

Unter diesen Umständen würde man gerne entscheiden können, wo und was man messen soll und wo man mit Gefühl, Erfahrung und Intuition besser vorankommt und zu besseren Entscheidungen gelangt.

Ein sorgfältiges Zusammenwirken von Intuition und datenbasierter Rationalität, System 1 und System 2, wie Kahneman es nennt, oder "Herz und Hirn", wie es ganz altmodisch Politiker und Lebensratgeber gerne sagen, scheint durch die Debatte für die meisten, die sich ernsthaft mit der Frage beschäftigen als Ideal weiterhin ganz unangetastet zu sein.

Während die Daten immer mehr und die Modelle immer besser werden, ist aber anderseits wenig klar, wie die Intuition da mithalten kann. "Silicon, numbers and software eat the world", beschreibt einen Eindruck, dem man sich nur schwer entziehen kann.

Wir sollten bei all dem nicht vergessen, dass das Messen und Analysieren das Schreiben, Lesen und Rechnen voraussetzt. Zu diesem Komplex gehört auch ein geschlechtsgeschichtlicher Hintergrund. Zählen, messen, aufschreiben, rechnen, und die Entscheidung auf der Basis umfangreicher Daten und zugeordneter logischer Schlussketten war von Anfang an eine Domäne der Männer und wird bis heute von der Mehrzahl der Frauen kritischer betrachtet als zumindest von der Elite der Männer.

Auch das ändert sich inzwischen, aber ist dennoch sehr tief in unserer Kultur verankert. Nicht selten konnten gescheite Frauen auch zeigen, dass sie mittels Intuition viel schneller zu den gleichen und manchmal sogar besseren Erkenntnissen und Entscheidungen gelangen konnten als die Männer mit ihren umständlichen Systemen und Analysen.

Im gemeinsamen Gespräch und bei der Betrachtung von Alltagsphämomenen lachen Frauen denn Männer auch ganz gerne aus, wenn sie mit (zu vielen) Daten und Logik kommen, um ein Argument zu stützen. Die Kehrseite der Medaille ist, dass Männer Frauen häufig nicht ernst nehmen wollen, wenn sie nicht zuerst beweisen, dass auch sie Zahlen und Logik lesen, im Kopf behalten und anwenden können.

Schwierigkeiten des Zusammenwirkens

Daten und Faktenwissen können ebenso leicht falsch verwendet oder gar missbraucht werden wie Intuition und Gefühl. Ihre jeweiligen Befürworter übertreiben gerne ihre Qualitäten. Datenwissen erzeugt leicht den Eindruck von Gewissheit. Datenwissen ist niemals vollständig. Immer müssen die Lücken mit Vorurteil, Vorwissen und gefärbten Impulsen aus dem Inneren geschlossen werden. Selbst, wenn es nicht so wäre, bleibt die Eigenschaft von Kahnemans System 1 ("Intuition"), dass niemand es zu irgendeinem Zeitpunkt abschalten kann.

Ohne umfangreiche und teure Versuche kann nicht ermittelt werden, ob Messungen und Modellrechnungen zu bestimmten Fragen nicht teurer und fehlerträchtiger sind als die Vorteile, die durch sie erhofft werden. Uns hat der so genannte Nachweis des Higgs-Teilchens im LHC des CERN nicht wahnsinnig überzeugt. Seine Voraussage durch das Standard-Modell, die wissenschaftliche Konkurrenz und der politische Druck der enormen Kosten haben diese Interpretation der teuren Experimente bei der ersten Möglichkeit für ein plausibles Indizien-Gerüst erzwungen. Aber die Begeisterung der beteiligten Physikerinnen und Techniker hat so gezwungen gewirkt, dass man schon spüren konnte, wie dünn die Suppe war. Das Medienecho ist denn auch sehr schnell verhallt.

Während die Ökonomie und die Psychologie, denen einige öffentliche Denker weiterhin, auch nicht vollkommen zu Unrecht, den Status einer Wissenschaft bestreiten, endlich wegen der Fortschritte in Datenerzeugung und -verarbeitung trotz Kahnemann und Co. von Jahrzehnt zu Jahrzehnt ihre Daten- und Rechenbasis ausdehnen und vertiefen, scheint sich die Physik nun schon seit einiger Zeit im riesigen Gebilde ihrer Messinstrumente und mathematischen Systeme verfangen oder totgelaufen zu haben.

Einen echten "kreativen" Durchbruch innerhalb dieser einst so produktiven Leitwissenschaft der abendländischen Männer-Gesellschaft haben wir schon lange nicht mehr erlebt. Die Quantencomputer-Leute machen zwar in großen Abständen tolle Demos auf Kongressen, aber niemand weiß so richtig, was dabei herauskommen wird oder soll. Und auch das Beamen hat ein gewisser Herr Zeilinger nur mit unsichtbaren, mit mythischen Namen und Eigenschaften versehenen, angeblich existierenden Teilchen sozusagen simuliert. Des Kaisers neue Kleider werden aus eindimensionalen Strings in einer 11-dimensionalen SUGRA-Maschine gewebt.

 
last updated: 08.04.18 18:48
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