Digital vs. Analog: Schwerster Strategiefehler Ever

Seit vielen Jahren, konkret, seit wir uns zu dritt zum besseren Verständnis feudaler Herrschafts- und Provokationstaktiken gemeinsam Rob Reiners wunderbaren Lehrfilm The Princess Bride angesehen hatten, stand die willkürliche Verwicklung in einen Landkrieg in Asien an der Spitze unserer dogmatischen Liste der größten machbaren strategischen Fehler. Vom Land der Paschtunen und dem der Tschetschenen, von Berg Karabach und dem Irak-e 'Arab, von vor dem Ural bis hinter den Kaukasus und bis Saigon und Wladiwostok sahen wir uns in dieser Einschätzung auch immer wieder bestätigt.

Vizzini & Company

Nun aber meinen wir, einen neuen schwersten (Denk)fehler gefunden zu haben, der mehr wirtschaftlicher als militärischer Natur ist, aber ausreichend strategische und taktische Aspekte aufweist, um auch die Relevanzkriterien für die Aufnahme in das Tiny-List-of-Bad-Things-Universum zu schaffen.

Der Fehler

Nicht wenige CEOs, CIO, CTOs, Politiker und Spitzen-Think-Tanks zerbrechen sich wegen der sogenannten digitalen Revolution den Kopf. Sie beschäftigen sich mit digitalen Immigranten und digitalen Aboriginen, müssen sich mit grauslichen Fremdwörtern wie Disruption und Migration herumschlagen und Dauerkopfweh wegen der ständigen Neuinterpretation von klassischen 60er-Jahre-Begriffen wie Globales Dorf, heiße und kalte Medienmassage und Convergence aushalten. Und da reden wir noch nicht einmal von den Simulationen von Vergnügungsmeilen, Aufrissbars, Bassenas, Kasernenhöfen usw., die heutzutage als soziale Netzwerke bekannt sind.

Wir hier, in Highgate, in der tinytalk-Redaktion, sagen zu alledem, dass es ganz falsch verstanden wird und die Analysen zu kurz greifen: Wenn man die Methode (digital diskret) für die Wahrnehmung der Sache (analog kontinuierlich) oder die Sache selbst hält (Welle oder Teilchen, wer weiß?), macht nach unserer unbescheidenen Meinung einen groben Denkschnitzer. Digitale Strategie an und für sich ist der größte Fehler, den man derzeit machen kann.

Digitale Strategien einst und jetzt

Seit die Menschen den Fingern Namen und beim Abzählen andere Namen gaben, gibt es digitale Strategien. Während der letzten 3000 Jahre dominierte - zumindest in Eurasien - ein ziemlich digitales System, das wahrscheinlich parallel im Tal des Gelben Flusses, am Indus, zwischen Euphrat und Tigris, am Nil, und vielleicht auch an der Donau, kurz gesagt, in der Umgebung geeigneter Flüsse "erfunden" wurde, dessen wissenschaftlicher Name scripture/a, écriture, גופן, Schrift, 字形 usw. ist, die kommunikativen und reflektorischen Prozesse der Spezies homo sapiens.

Schrift der Donauzivilisation

Dann, vor ca. 560 Jahren verwandelte der Gutenbergische Buchdruck mit beweglichen Lettern, der zwar nicht für das so genannte lateinische Alphabet erfunden aber mit ihm - nicht durch Zufall - extrem erfolgreich wurde, die Schrift in ein außerordentlich digitales System und veränderte die Welt damit unumkehrbar und für vielleicht immer.

Nachdem in der Folge und unausweichlich die kompetente Handhabung des Elektromagnetismus - samt allen damit verbundenen Konsequenzen (SM+ART1) - gefunden war, und Professor Herbert Marshall McLuhan 1962 das Ende der Gutenberg-Galaxis ausgerechnet mittels eines Buches verkündigt hatte, wendete sich die Aufmerksamkeit allmählich von Brief, Fernschreiber, Telefon, Radio, Buch und Zeitung ab und dem Fernsehen und dem Computer zu. Gleich galt ersteres als analog und zweiterer als digital, was so als Unterscheidung davor eher unüblich gewesen war. Die digitale Natur von Schrift (digital wegen der damit einhergehenden radikalen Abstraktion, der Abzählbarkeit der Symbole und der davon beeinflussten immer mehr binären syntaktischen Struktur) und Silberfotografie (digital wegen der leicht abzählbaren Menge von metallischen Kristallklümpchen bzw. geschwärzten Rasterpunkten) ist halt dem ganz literalen Gutenbergmenschen kaum aufgefallen.

Quelle: riera.gif

Die weniger abstrahierten sinnlichen Phänomene dagegen wie das Sprechen, Singen, Hören, Grimassenschneiden, Turnen und Schauen konnten nun ja dank des Verständnisses des Elektromagnetismus nicht nur beschrieben (Noten, Skizzen), sondern auch als Analoge diverser Wellenphänomene (elektro)mechanisch oder (elektro)magnetisch aufgezeichnet werden. Und gerade der Hörfunk als nach dem Telefon und der Schallplatte 3. elektroanaloges Medium war zwar als Analogon der Wissenschaft bekannt aber selten bewusst und allgemein kaum so begriffen worden. Und so sträubt er sich bis heute, zumindest in Österreich und der sogenannten dritten Welt, erstaunlich erfolgreich gegen die Überwältigung durch seine digitale Simulation.

IBM's erstwhile main beast

In der Tat blieben nach ersten analogen Anfängen (Integraph, Differential Analyzer, Sowjetischer Differentialgleichungsrechner) die neuartigen elektronischen Rechenmaschinen zunächst auch ganz und gar digital, in dem Sinn, dass sie nur Zeichenketten und daraus interpretierte Zahlen verarbeiten konnten.

Gescheite Leute wie Alan Turing, Vannevar Bush, John von Neumann, Norbert Wiener, Claude Shannon, Seymour Papert, Doug Engelbart, J.C.R. Licklider und viele mehr konzipierten in den 40-er, 50-er und 60-er Jahren aus ihrer Sicht zu Recht digitale Strategien für die Zukunft. Mit den bis in die 70-er Jahre üblichen Wortbreiten und Wortmengen von Speichern und Prozessoreinheiten war wirklich (fast nur) die Verarbeitung von alphanumerischen, digitalen, vorher bereits massiv abstrahierten Daten gut möglich. Und als durch Ausbildung und Lektüre völlig digital-literale Menschen waren sie sich auch ziemlich sicher, man könne sich, wie von der Bibel aufgetragen, die Erde mit digitalen Methoden untertan machen.

Quelle: AKAT-1.jpg

Die schiere Menge und veränderliche Dichte analog verglichener und digital quantifizierter, d.h. gemessener Datenpunkte sowie die immer noch nicht wirklich gut verstandene "Doppelnatur" (Teilchen, Welle) der Welt bewirkten lange, dass mit relativ einfachen Rechenmaschinen in der Form sogenannter Supercomputer nur mittels extrem vereinfachter mathematischer Modelle Ahnungen von Vorgängen wie dem Wetter recht grob "berechnet" werden konnten. Die Verarbeitung und Simulation sinneswahrnehmungsartiger Prozesse blieb dagegen der analogiebildenden Aufzeichnung mit Sticheln in Kunststoffplatten oder mit dynamischen Elektromagneten auf Eisenoxid-beschichteten Drähten und Kunststoffbändern noch eine Zeitlang vorbehalten.

Der Fortschritt in der Transistorendichte auf Silikonplättchen gemäß Moore's Law (Chips) führte in der Folge zu Phänomänen wie 8 Rechenkernen und, ich weiß nicht wie vielen, Signalprozessoren in Geräten wie Handys, Kameras, Mischpulten und Audiorekordern sowie in persönlichen Computern, die sich mittels Software in das alles "verwandeln" können. Die meisten Leute telefonieren heutzutage nicht mehr mit Telefonen, sondern mit kleinen Taschencomputern, die, wie gesagt, 8 und mehr Prozessorkerne, diverse Kommunikationsprozessoren, Gigabytes an Speicher, jede Mengen Sensoren usw. usf. in sich bergen. Den Rest besorgt die exponentiell steigende Menge von Daten aus analog-digitalen Sensoren und digital-analogen Effektoren in Kameras, Autos, Maschinen, Lautsprechern und allem möglichen mehr, dem sogenannten Internet der Dinge. Und das Wachstum des "Gedächtnisses" dieser Winzig-Computer, lokal und in den sogenannten Internet-Wolken wird irgendwann vielleicht schon aber vorläufig noch gar nicht aufhören.

Und mit der Ablösung der Schallplatte durch ihre digitale Simulation in immer vernetzteren Varianten sowie der Ablöse der Bildaufzeichnungsröhren und der Tonköpfe von Videokamera und Mehrspur-Rekordern durch Analog-Digital-Konverter war es um die wenigen analogen Medien perspektivisch nach historisch sehr kurzer Zeit schon wieder geschehen. Kinofilm und Fotografie waren bereits vor den elektrischen Sensoren, wie erwähnt, ja immer schon digital gewesen. Bei ihnen ist der einzige analoge Schritt eine Verstärkung und Modifikation durch den chemischen Prozess der Entwicklung.

Mehrspur-Tonbandmaschine

Was uns CD, Schallplatte, Film und Fotografie bei näherer Betrachtung aber schön zeigen können, ist, dass man zwischen der technische Repräsentation und der Sinneswahrnehmung dieser Repräsentation immer penibel unterscheiden muss. Keine von beiden darf man ignorieren. Das Ziel der Aufzeichnung und Manipulation ist aber immer, das "Digitale" für die Wahrnehmung zum Verschwinden zu bringen. Die Möglichkeiten und die Maßstäbe dafür ändern sich jedoch kontinuierlich.

Seit den alten Indern, Chinesen, Babyloniern und Griechen ist das mit dem Verstehen zumindest für die Männchen der Spezies so, dass man unterscheiden, zerlegen, abstrahieren und synthetisieren muss, dass man die Ergebnisse der syntaktischen Logik und der syntagmatischen Intuition, das schnelle und das langsame Denken gegenüberstellen, vergleichen, trennen und wieder zusammenfügen muss, wenn man sich in vielen Kurven der Wahrheit ernsthaft ein Stückchen nähern mag. Wenigstens dann, wenn die Wahrheit einem vielleicht mehr ist als ein blindes Werkzeug, das nur der Behandlung der eigenen kurzfristigen Bedürfnisse und Ängste dienen soll. In vielen Vorwärtsschüben und Rückschritten hat sich Quantifizierung und Digitalisierung dabei immer mehr durchgesetzt und vor, im und in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg einen ungeahntenen Höhepunkt erreicht.

Die analoge Revolution

Als Konsequenz daraus sind die Werkzeuge nun soweit fortgeschritten, dass die "Digitalität" aller Simulationen immer weniger wahrnehmbar wird und die Welt, wenn man von der Ideologie einmal absieht, gerade jetzt für die meisten Menschen ja gar nicht vom analogen in das digitale Zeitalter übergeht, vielmehr ist das genaue Gegenteil der Fall. Nach 560 Jahren Weltherrschaft des Digitalen und 3000 Jahren Herrschaft des Semi-Digitalen treten wir gerade wieder in ein ganz "analoges" Zeitalter ein und alle Gesetze der Analogie und des kontinuierlichen "Fließens" beginnen wieder viel mehr zu wirken und zu regeln. Und komme uns keiner mit dem Sophismus, dass das neue Analoge nur eine digitale Simulation sei. Das wissen wir auch. But then again, who wants to decide if the world be analogue or digital, be continuous or discrete. Fundamentally, that is. Or decide if the world is a simulation like Platon did and some very modern female and male philosophers do research to see if it is.1

Analog Synth in a DAW

Und genau deswegen begreifen die meisten der oben erwähnten CEOs, CFOs, CTOs, COOs und ihre Aufsichtsräte, die Politiker und die Think-Tank-Arbeiter, die alle gerade noch in der digitalen Gutenberg-Welt ausgebildet wurden und die entsprechenden alten digitalen Machtspiele mühselig gelernt haben, nichts mehr, weil das Analoge ja viel feiner verästelt und viel weniger abstrahiert ist und sich viel schlechter mit starren und standardisierten Methoden handhaben lässt. Sie ahnen es irgendwie, aber nicht warum und probieren halt noch einmal und noch einmal und noch einmal. Am schlimmsten aber sind die von ihnen, die schon vorspielen können, sie seien neu, analog (aka digital) und cool. Die haben bereits vergessen, dass sie digitale (Herkunft) Immigranten und Simulanten in der analogen Welt sind, und dass sie leider viel zu viel Energie darauf verschwenden, ihr digitales, heißes Inneres zu verbergen.

Das Verdikt

Weil also tatsächlich eine analoge Revolution im Gang ist und eigentlich eine analoge Strategie angebracht wäre, hat es die digitale Strategie nunmehr in unserem Listenwerk der schlimmsten Dinge unter den taktischen und strategischen Fehlern auf Platz 1 geschafft und den Landkrieg in Asien auf Platz 2 verdrängen können.

1Das Standardmodell der Elementarteilchenphysik fasst die wesentlichen Erkenntnisse der Teilchenphysik nach heutigem Wissensstand zusammen. Es beschreibt alle bekannten Elementarteilchen und die berechenbaren Wechselwirkungen zwischen ihnen. Nur die vergleichsweise sehr schwache Gravitation wird von ihr nicht berücksichtigt. Um dem entsprechenden Stillstand zu entkommen, wird wild geforscht, spekuliert und mit immer größeren Maschinen simuliert.

In der allgemeinen Relativitätstheorie wird die Gravitation nicht wie eine Kraft im Sinne der klassischen Physik behandelt. Im Unterschied zu den gewöhnlichen klassischen Feldtheorien, in denen die Koordinaten für Ort und Zeit in einer festen Struktur vorgegeben werden, betrachtet die ART diese Struktur selber als veränderlich.

Die Schrödingergleichung ist eine die ungestörte zeitliche Entwicklung von nichtrelativistischen Quantensystemen beschreibende Differentialgleichung. Die Gleichung wurde 1926 von Erwin Schrödinger als Wellengleichung aufgestellt und schon bei ihrer ersten Anwendung erfolgreich zur Erklärung der Spektren des Wasserstoffatoms genutzt.

 

Big Data stellt ja auch eher qualitative als quantitative Fragen.

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Addendum

Wenigstens kann das die einzige Hoffnung sein, die das big mit sich bringt.

Und das hätte natürlich akademisch noch hinein gehört: Die hegelianische "seiende Einheit des Qualitativen und Quantitativen", der "qualitative Sprung" und der "Umschlag von Quantität in Qualität".

Aber wie Herr Bacon, der Prophet des Propheten, schon schrieb, bringt erst die Auslassung den Leser zum Denken. Ohne dass wir das beabsichtigt hätten. Aber hier in Jamaica gibt es ja überhaupt keine Absichten. ;-)

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tongeneratoren mit analogen bauteilen
postheroisches management
(in den 80ern noch parametrisch genannt)
(im gegensatz zum direktiven)
die alte totalitätskontroverse
mcluhans medieneuphorie
organisation gesellschaft management kultur
grosse sprünge aus der steinzeit über gutenberg
mir kommts so vor als hättet ihr unsere seminarprotokolle aus den achzigern um die seitherige entwicklung fortgesponnen
solche diskussionen
mit hang zur sektenbildung
kommen im umfeld der systemtheorie öfter mal auf
und finden auch anhänger
sie sind allemal ein kritischer denkansatz
und wären möglicherweise zielführender als das gehabte
doch werden sie
wie die früheren versuche
über den elfenbeinturm
und wenige risikofreudige
nicht hinauskommen
euer idealismus in ehren
die alten ansätze sind verfallen
und diese werden es auch
schön mal drüber nachgedacht zu haben
bei mir nostalgische gefühle geweckt
als wir als studenten
noch die welt auf den kopf stellen wollten
so muss das wohl sein
der versuch allerdings
ist vonnöten
verdammt vonnöten...

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last updated: 23.04.19 23:21
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