Kaffee und Schokolade

In der letzten Zeit haben wir uns, bedingt durch eine Kette von Zufällen, ein wenig mit Schokolade und noch ein bisschen weniger mit Kaffee beschäftigt. Einerseits ist uns im Zuge einer Samstagsbeschäftigung Thomas Papes kleine kulinarische Reclam Anthologie "Schokolade" um einen kleinen Euro antiquarisch in die Hände gefallen, andererseits sind wir mehr so als absichtlich in Jean-Pierre Améris' am 22. Dezember letzten Jahres (im April dieses Jahres bei uns) erschienenen Film "Les Émotifs anonymes" mit Isabelle Carré und Benoit Poelvoorde, in dem die Schokolade die dritte Hauptrolle spielt, gestolpert. Weitere Kettenglieder waren dann noch aktuelle Schokoladegeschenke in beiden Richtungen und die fast gleichzeitige Verkostung eines hochprozentigen Bitterschokoplättchens und einer wirklich fetten und ausgezeichneten Praline.

Isabelle Carré

Natürlich fällt einem gleich Hallström's Chocolat von vor über 10 Jahren ein, ein quintessentielles "come second everywhere" piece, ein Film, der für fast alle interessanten Preise nominiert war und praktisch keinen errungen hat. Zu Recht, irgendwie. Und während dieser doch nicht unamüsante Film seinen Preis, für eine zu hanebüchene Verwendung von Klischees und Kitschelementen zahlen musste, steckt Améris' Film keine besonders guten Kritiken ein. Nichtsdestotrotz wollen wir den Besuch einer Aufführung allen empfehlen, die etwas für schauspielerische Leistungen und eine leichte Hand bei Szenaristen und Dialogautoren (Améris mit Philippe Blasband) übrig haben.

Die o.e. kleine Anthologie enthält einen Ausschnitt aus Wolfgang Schivelbuschs 1980 bei Hanser erschienen und sehr empfehlenswertes "Das Paradies, der Geschmack und die Vernunft". Der Spiegel rezensiert das Buch seinerzeit und zitierte sehr verkürzend eine Passage über Goethe und Balzac. Hier ist das ganze Stückchen:

Wohin man im 17. und 18. Jahrhundert den Blick wendet, die Schokolade erscheint als Statusgetränk des Ancien Régime, der Kaffee als Stimulans des sich immer mächtiger regenden bürgerlichen Unternehmertums und Geistes. Goethe, der die Kunst als Medium benutzt, sich aus seiner bürgerlichen Herkunft herauszuaristokratisieren, und der sich als Mitglied einer höfischen Gesellschaft auch in seiner Produktion eine aristokratische Ruhe leisten kann, macht aus der Schokolade einen Kult. Balzac, der - ungeachtet seiner sentimentalistisch-royalistischen Haltung - für den Literaturmarkt, und nur dafür, arbeitet und lebt, ist als einer der exzessivsten Kaffeetrinker in die Geschichte eingegangen. Zwei grundverschiedene Produktionsweisen, zwei grundverschiedene Stimulationsmittel, zwei grundverschiedene Psychologien und Physiologien.

Und während wir ja nie ein Geheimnis daraus gemacht haben, dass und wie sehr wir die echte Aristokratie verachten und mit ihr noch mehr Parvenus wie Herrn Goethe, die ihr Talent darin verschwenden, ein bequemes und verlogenes Leben als privilegierte Höflinge von Fürsten zu führen, so müssen wir doch auch zugeben, dass die Beschränkungen und Versagungen des Bürgertums schon in relativ jungen Jahren in einem Ausmaß enttäuscht haben, so dass wir nur noch wenig Hoffnungen haben, diese inzwischen mehrfach vermischte Klasse von Menschen könnte es noch wirklich auf die Reihe bekommen.

Andere Statussymbole des Ancien Régime teilen dieses Schicksal der Schokolade, z.B. die Kleidung. Für den Aristokraten vor 1789 ist ein farbenprächtiges Kostüm Ausdruck des sozialen Prestiges. Er möchte, wenn möglich, wie ein Pfau wirken, während für den schlicht gekleideten Bürger nichts abstoßender und lächerlicher ist als die Assoziation mit diesem Vogel. Wiederum sind es nur die Frauen und Kinder, die sich in der bürgerlichen Gesellschaft bunt anziehen dürfen. Was der Pfau in bezug auf die Kleidung, das ist das Schleckermaul in bezug auf den Geschmack. Das Schleckermaul ist - im Unterschied zum Gourmand - auf Süßes aus. Der bürgerliche Geschmack, und zwar sowohl im unmittelbar physiologischen als auch im übertragenen ästhetischen Sinne, verabscheut das Bunte und das Süße in dem Maße, wie er das farblos Schwarze und das Bittere schätzt. In diesem Sinn ist der Kaffee schwarz und bitter, Antipode zur hell-süßlichen Schokolade der Aristokratie, - so wie der in schlichtes Schwarz gekleidete Dritte Stand 1789 in Versailles politisch wie farblich Antipode zur buntgekleideten Aristokratie ist.

Heutzutage ist natürlich alles ganz und gar durchmischt, weit über die peinliche Mischung von Aristokratie und Bourgoisie hinaus, und nur noch in den geckenhaften Paradeuniformen von Thronfolgern und Prinzgemahlen bzw. in den bei aktuellen Konflikten in der katholischen Kirche auffallenden Bekleidungs- und Farbunterschieden zwischen Kardinälen, Bischöfen und ihren aufbegehrenden Untergebenden können diese historischen Gegensätze wie Schatten nachvollzogen werden.

 

Seltsam, das mit den Farben. Zu Kaffee kann ich nicht viel sagen, aber Schokolade verschlinge ich, und v.a. trage ich schon gern mal was Buntes überm Kessel (schwäbisch für den etwas prominenteren Bauch).

Jetzt denke ich natürlich gleich selbstkritisch darüber nach, dass ich dann wohl aus einem »besseren Haus« stammen muss, hatten einige Mitschüler damals doch Grund für ihr Mobbing. Naja, ich wollte ja auch nie mit dem Mercedes abgeholt werden.

Seltsam aber ist, dass das Bürgertum anstatt sich in einem schlauen Akt der Selbstermächtigung das Farbliche (oder von mir aus Süße) anzueignen, doch lieber in bitterem Dunkel verharrt ist.

Heute hat es die Gesellschaft zumindest so weit gebracht, dass der Adel wirklich schon sehr absurde Maßnahmen ergreifen muss, um den Distinktionsgewinn aufrechtzuerhalten. Schaut aber tatsächlich aus wie ein Praliné!

Jetzt bleibt noch die Rolle des buntgekleideten Narren zu klären. Und die Geschichte der schwarzen Kleidung.

Zu letzterem gibt es Hinweise in Eva Hellers Buch »Wie Farben wirken« (S.95 ff). Demnach haben sich die durch Handel reich gewordenen Bürger die Kleidung nicht länger von ihren adligen Gläubigern vorschreiben lassen, Farbe bedeutete somit nicht mehr (klerikale) Macht, sondern Reichtum.

Naja, und dann wuchs mit den Entdeckungen (die Welt und ihre Schrecken werden größer) und Enttäuschungen (der Erlöser kommt und kommt nicht) des Mittelalters die Angst vor dem Weltuntergang, und die Pest war ja auch ein Hund.

Wohin wendet man sich also als frischgebackener, buntgekleideter Neureicher? Zurück zur Kirche, zurück zur Entsagung, weg von der Todsünde, weg von der Eitelkeit, die sich nun einmal bestens in der Kleidung manifestiert. Also trägt man wieder Schwarz.

In Afrika ist Schwarz übrigens die schönste, die edelste Farbe.

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well

everything reverses all the time. Und nix passiert gleichzeitig. Die Bohème blickt gerne auf das Bürgertum herab und dieses auf die zumindest nicht ganz so prominenten Mitglieder der Bohème. Viele Europäer verachten die Amerikaner immer noch durch die Augen des gebildeten Adels als ungehobelte Emporkömmlinge und die Amerikaner die Europäer durch die Augen tüchtiger Rebellen als das alte, dekadente und überholte Möchtegern-Welt-Imperium.

Und immer, wenn sie the empire of evil sagen, meinen sie vordergründig das, was ihnen seit 1940 die Engländer einreden und hintergründig natürlich den englischen König. Der reaktionäre Teil des amerikanischen Bürgertums benimmt sich, als ob er ein bescheuerter Adel wäre und niemand ist bürgerlicher als die ehrgeizigsten Exponenten der europäisch-kleinbürgerlichen grünen und sozialdemokratischen Parteien, die tief drin glauben, dass sie die Bevormundungskraft niederländischer Missionare und britische Marineoffiziere geerbt haben.

Und obwohl so vieles an Aufgaben für das bürgerliche Individuum nicht erledigt ist und noch erledigt gehört und vielleicht nie mehr wird, funktioniert es immer noch nicht so ganz und man kann sich vielleicht etwas gehen lassen, Schokolade trinken, Zucker in den Kaffee tun, bunte Hemden und Leiberl lieben und tragen, der Liebe mehr glauben als der Arbeitsmoral und von den bürgerlichen Impulsen und Errungenschaften nur die behalten, die zum echten Glück einen Beitrag leisten.

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last updated: 24.11.21, 20:49
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with four letters it becomes easier though i am not sure with hafi… anyhoo, inms guessing acronyms or whatever this is. *it’s not my steckenpferd
by tobi (24.11.21, 20:49)
Should be
pretty easy to guess from the context and image who HaFi and InTu are. Besides, thx for the hint to the open bold-tag.
by MaryW (22.10.21, 01:16)
Low hanging fruit
1 comment, lower geht es mathematisch schon aber psychosomatisch nicht.
by MaryW (15.10.21, 19:51)
...
da ist wohl ein <b> offen geblieben… und wer oder was sind HF und IT?
by tobi (25.09.21, 10:50)
manche nennen das
low hanging fruits, no?¿
by motzes (25.08.21, 20:33)
Freiwillige Feuerwehr
Wie ist das mit den freiwilligen und den professionellen Feuerwehren? Wenn 4 Häuser brennen und nur 2 Löschzüge da sind, dann gibt es doch eine....
by MaryW (22.07.21, 07:06)
Well
That is a good argument and not to be underestimated. I was convinced a malevolent or rigid social environment (the others) posed the largest obstacle....
by MaryW (18.07.21, 08:54)
Und noch etwas
Die Schutzkleidung ist ein großes Problem. Sie verhindert allzu oft, dass mann mit anderen Säugetieren gut umgehen kann.
by StefanL (26.05.19, 07:09)
Yeah
U get 1 big smile from me 4 that comment! And yes, i do not like embedded except it is good like this. It's like....
by StefanL (19.05.19, 16:30)
Mustererkennung
Just saying. #esc #strachevideo pic.twitter.com/OIhS893CNr— Helene Voglreiter (@HeeLene) May 19, 2019 (Sorry, falls embedded unsocial media unerwünscht ist…)
by tobi (19.05.19, 10:57)
Yeah
That's an adequate comment! Und das erste Zitat ein ganz besonders tolles Beispiel für den "Umschlag von Quantität in Qualität".
by MaryW (15.05.19, 19:57)
...
In the future everyone will be famous for fifteen people. – Momus You’ll always be a planet to me, Mr Bacchus. – Charon Fußnote! Find ick knorke.....
by tobi (15.05.19, 14:07)
Now
I think I maybe know what you meant. It is the present we know best and the future we invent. And history is mostly used....
by StefanL (13.05.19, 00:55)
...
???
by StefanL (05.05.19, 21:15)
...
what about hindsight is 20/20?
by tobi (05.05.19, 14:00)
Ja echt.
Vielleicht schaffen wir es aber ja wieder einmal auf ein Konzert zusammen.
by StefanL (01.05.19, 05:55)
...
oh schade, verpasst…
by tobi (30.04.19, 09:07)
...
Als ethnische Gruppe bezeichnete Max Weber eine "Menschengruppe, welche auf Grund von Ähnlichkeiten des äußeren Habitus oder der Sitten oder beider ... einen subjektiven Glauben....
by StefanL (28.04.19, 07:28)
vielleicht aber
hat er auch während des Moderierens seinen Text sozusagen live in die Wikipedia kopiert? (leider wird diese theorie durch überprüfung der datenlage nicht unbedingt erhärtet.)
by chris (30.03.19, 09:08)
d'accord
👍
by misc (28.03.19, 09:28)

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