Fixed Wire Smartphones

Vor kurzem haben wir einmal lachen müssen über den heutzutage eher peinlichen Pleonasmus "mobiles Smartphone". Ein entfernterer Kollege brachte den Ausdruck in einer ein bisschen großspurigen Darstellung angeblicher vergangener und zukünftiger Leistungen zur Anwendung. Ich denke, die Psycholinguisten wissen schon, wie das zustande kommt.

Im Jahr 2011 ist es natürlich sehr überflüssig, näher zu bestimmen, dass ein "Smartphone" mobil ist, aber nur deswegen, weil Festnetz-Smartphones so ganz vom Markt verschwunden sind. Selbstverständlich hat es sie gegeben.

Fast nur im irgendwie zentralen Land Kontinentaleuropas. Aber dort, in Krankreich nämlich, war das Minitel eine echte Macht. Das Minitel kam 1982 auf den Markt. 1985 waren 1 Mio. Geräte in Betrieb. Angeblich nutzten es 2010 immer noch 2 Mio. Frenchies. In den 90er Jahren konnte es nicht wenige Bewohnerinnen dieser Republik vom verfrühten Umstieg ins Internet abhalten. Mit den heutigen mobilen Microcompüterlis hatte es gemeinsam, dass die Hardware (fast) gratis war und die Klientel nur über Gesprächs- und Datengebühren abgezockt wurde.

French Wired Smartphone

Während im vereinigten Königreich die BBC mit dem 1974 gestarteten Ceefax gemeinsam mit ITV die Festnetz-Smartphone-Bemühung der British Telecom, das auch eher ungeschickt als Prestel gebrandete und 1979 in Betrieb genommene telefonbasierte System, niederrang und zur Bedeutungslosigkeit verdammte, lief es im coeur du continent anders herum.

En Anglais und technisch hieß übrigens der 2-Wege-Telekom-Dienst (interactive) videotex und der entsprechende 1-Weg-Fernseh-Dienst teletext. Damals wie heute liefen die guten Presse-Verleger mehrere Jahre Sturm gegen die ausufernde Verwendung von Buchstaben im Fernsehen, somehow a deadly sin against comfortable market segmentation in their still seeing eyes.

So lief die Geschichte in den ersten 15 Jahren: With the exception of Minitel in France, videotex elsewhere never managed to attract any more than a very small percentage of the universal mass market once envisaged. By the end of the 1980s its use was essentially limited to a few niche applications.

Warum nur en France? Na ja, kein anderer Staat in ganz Europa war bereit, seiner 2-Wege-Fernkommunikations-Organisation zu genehmigen, dass sie die Hardware komplett subventionieren durfte. Ebenso war außer der Republique Francaise kein Gemeinwesen bereit, Begleitgesetze zu schaffen, die es ermöglichten, die Bevölkerung durch Entzug des Telefonbuchs zur Verwendung der entsprechenden Mikrochip-Telefone praktisch zu nötigen.

Im deutschsprachigen Raum gab es natürlich auch entsprechende Versuche und hier hieß das Ganze Bildschirmtext oder "BTX". 1980 startete in Deutschland ein Feldversuch, ab 1982 nahmen die österreichische ÖPTV und die schweizerische PTT ihre entsprechenden Netze in Betrieb, 1983 schlossen die deutschen Länderchefs, wie bei elektronischer Kommunikation dortzulande üblich, einen Staatsvertrag über BTX ab. 2000 bis 2001 wurden alle 3 Dienste eingestellt. Ebenso wie im UK hatte der Bildschirmtext auch im DACH nicht den Funken einer echten Chance gegen den Teletext.

In der breiten Bevölkerung wurde und wird der Bildschirmtext oft mit dem Fernseh-Videotext verwechselt, wozu auch beitrug, dass der Dienst in der Schweiz Videotex (ohne t am Ende) hieß.

Dieser Satz aus der Wikipedia gilt nur für Deutschland und die Schweiz. In Österreich war die Unterscheidung eindeutig. Ausgehend von den generischen britischen Begriffen heißt hier das TV-Ding Teletext und das TK-Ding BTX und, wie gesagt, kannte den außer Ärzten und Rechtsanwälten praktisch niemand, daher also auch keine Verwechslung. Wie kam das?

Der erste Fehler der entsprechenden Telegraphenverwaltungen war wohl, dass sie die deutsche IBM und nicht Siemens mit der Entwicklung beauftragten. Dann lag es wohl auch daran, dass der politischen Klasse des DACH-Raums - und daran folgten sie ihren britischen Kollegen - die vollassymetrische 1-Weg-Kommunikation über den Erstfernseher viel mehr am Herzen lag als die halbassymetrische 2-Wege-Kommunikation über Telefon und Zweitfernseher.

Das österreichische Festnetz-Smartphone war eine Eigenentwicklung, ein so genannter Mehrzweck Universell Programmierbarer Intelligenter Decoder, kurz MUPID.

Der MUPID wurde als Bildschirmtext-Gerät im Auftrag der Österreichischen Post- und Telegraphenverwaltung vom IIG, Institut für Informationsverarbeitung Graz unter der Projektleitung von Hermann Maurer für den PRESTEL-Standard entwickelt.

Austrian Wired Smartphone

1985 wurde der Feldversuch der ÖPTV auf den CEPT-Standard umgestellt, das Mupid2 herausgebracht und ab September BTX als öffentlich zugänglicher Dienst angeboten.

Die Studenten und Schüler, die vielleicht ganz gerne einen hierzulande sehr teuren Apple II gehabt hätten, besorgten sich lieber einen Commodore C=64 oder einen Sinclair Spectrum oder später Atari oder Amiga. Fanatiker wie ich hatten dann auch schon ein "illegales Modem" aus den USA und die Telefonnummern von Computer-Zeitschrift- und dann Fidonet-Mailboxen. Damals wie später hatten die IT-Professoren und ihre Partner bei den Bit-Transporteuren in Europa leider relativ wenig Ahnung von den Bedürfnissen der Zielgruppen, die sie sich so gerne zusammenfantasieren.

By the way, es gab natürlich viel mehr leitungsgebunde Smartphones als sich das kleine Mäxchen träumen lässt.

But down they went, all of them, down into history's oubliette like the dreadnought and many other things before them. Wire connected smartphones, a not so well adapted European bird they was. Amen.

Post Scriptum: In dem WP-Artikel zu Herrn Maurer ist auch der Eintrag zu Peter Diem verlinkt. Die spezifisch österreichische Eitelkeit dieser älteren Herren und ihre Verwechslung von Position und Klasse erhellt ohne weiteres aus den jeweiligen Texten. Schade irgendwie.

 

Zufälliger Fund, nicht unpassend

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Gekauft?

sicher total interessant!

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Nein

Hab ich in einem Artikel über Traffic Pumping entdeckt.

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I guess

I'll order it then. Or should I jump at this trigger, get me a kindle and get the eVersion? Let me think. Thanks for the hint, anyway.

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book highly recommended. markus k. has a copy, btw.

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thanks 4 the tip

mayb then, I will borrow it.

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last updated: 10.09.19 07:12
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Und noch etwas
Die Schutzkleidung ist ein großes Problem. Sie verhindert allzu oft, dass mann mit andere Säugetieren gut umgehen kann.
by StefanL (26.05.19 07:09)
Yeah
U get 1 big smile from me 4 that comment! And yes, i do not like embedded except it is good like this. It's like....
by StefanL (19.05.19 16:30)
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Just saying. #esc #strachevideo pic.twitter.com/OIhS893CNr— Helene Voglreiter (@HeeLene) May 19, 2019 (Sorry, falls embedded asocial media unerwünscht ist…)
by tobi (19.05.19 10:57)
Yeah
That's an adequate comment! Und das erste Zitat ein ganz besonders tolles Beispiel für den "Umschlag von Quantität in Qualität".
by MaryW (15.05.19 19:57)
...
In the future everyone will be famous for fifteen people. – Momus You’ll always be a planet to me, Mr Bacchus. – Charon Fußnote! Find....
by tobi (15.05.19 14:07)
Now
I think I maybe know what you meant. It is the present we know best and the future we invent. And history is mostly used....
by StefanL (13.05.19 00:55)
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???
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what about hindsight is 20/20?
by tobi (05.05.19 14:00)
Ja echt.
Vielleicht schaffen wir es aber ja wieder einmal auf ein Konzert zusammen.
by StefanL (01.05.19 05:55)
...
oh schade, verpasst…
by tobi (30.04.19 09:07)
...
Als ethnische Gruppe bezeichnete Max Weber eine "Menschengruppe, welche auf Grund von Ähnlichkeiten des äußeren Habitus oder der Sitten oder beider ... einen subjektiven Glauben....
by StefanL (28.04.19 07:28)
vielleicht aber
hat er auch während des Moderierens seinen Text sozusagen live in die Wikipedia kopiert? (leider wird diese theorie durch überprüfung der datenlage nicht unbedingt erhärtet.)
by chris (30.03.19 09:08)
d'accord
👍
by misc (28.03.19 09:28)
...
Na, heute wird er nicht weinen, sondern die Korken knallen lassen. Aber bald wird er wieder weinen, nämlich wenn er mit Verspätung merkt, dass der....
by ArchibaldL (27.03.19 06:15)
...
mal sehen, ob Döpfner noch weint, wenn heute die Abstimmung im EUP gelaufen ist…
by tobi (26.03.19 08:42)
Großbritannien
wäre auch ein gutes Beispiel. Trotz Mehrheitswahlrecht Koalition. Aber Du hast insoferne natürlich schon recht, weil ja die 10-Parteien-Demokratie eher der Normalfall ist als die....
by StefanL (25.03.19 21:50)
...
das system zentralregierung ist mir ein rätsel. selbst oder vor allem nach der lektüre von e.p. thompson, "the making of the english working class". bin....
by motzes (25.03.19 19:31)
von hinten aufrollend
energy:harvesting energy is ein nettes konzept des letzten jahrzehntes, für energieschluckendes kleinvieh. wahlergebnisse:bei mehr antretenden parteien geht sich seltener eine absolute aus, odr? die geschichte....
by motzes (24.03.19 17:16)
Hmm
Wir haben Ihre Kritik jetzt doch ernst genommen und einen Satz und einen Absatz eingefügt. Da war wirklich trotz der sehr engen und kompetenten Zielgruppe....
by StefanL (24.03.19 08:29)
Danke
Was fehlt? Ist extra nach einer klassischen McLuhan-Bacon Regel elliptisch, damit die geneigte Leserin eigene Schlüsse ziehen und eigene Recherchen anstellen kann.
by StefanL (24.03.19 08:28)

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