Obsolete Berufe und lustige Österreicher

Author: Gerhard Bronner
Artists: Helmut Qualtinger and Gerhard Bronner
Album: Wer die Wahl hat, hat den Qualtinger
Song: Die alte Engelmacherin

Der wissenschaftliche, technische und ökonomische Fortschritt in unserer wunderbaren Welt macht seit 200 Jahren immer wieder "veraltete" Berufe überflüssig. Die armen Menschen, die diese Berufe meist mühselig erlernt und viele Jahre ausgeübt haben, sind dann allmählich oder plötzlich sogenannte Fortschrittsverlierer und machen ganz seltsame Sachen, wie z.B. die "falschen" Parteien und Politiker wählen.

Helmut Q. & Gerhard B.

Auch in der sonst ja vom Wirtschaftswunder geprägten Nachkriegszeit sind nicht wenige wunderbare Berufe den vor allem aus den USA eingeführten oder aber unter den neuen Verhältnissen so richtig erblühenden Produktions- und Vertriebsmethoden zum Opfer gefallen:

Der Möbelschreiner, der normalen Menschen Küchen und Schlafzimmer baute und einbaute, der fahrende Händler, der unsere Bauern an den Segnungen der städtischen Zivilisation teilnehmen ließ, der Kesselflicker, der Scherenschleifer und andere mehr, sie wurden alle hierzulande überflüssig.

Unter diesen ehemals ehrenwerten Professionen, war, wie in diesem seinerzeit brandaktuellen, vom verstorbenen Vater des Herausgebers einer rosaroten österreichischen Qualitäts-Tageszeitung ersonnenen und von ihm selbst gemeinsam mit seinem oftmaligen genialen Interpreten, einem gewissen Helmut Q. vorgetragenen Wienerlied dargestellt, der vor der Regierung Kreisky II und den jahrelangen Bemühungen von sozialdemokratischen und anderen Feministinnen sehr notwendige Beruf der Engelmacherin.

Alle Strophen des in ganz Österreich berühmten Liedes

Wenn ich denk an vergangene Zeiten,
an die herrlichen Sehenswürdigkeiten
unsrer Wienerstadt von anno damals,
dann klopft bis zum Hals mir mein alt's Wienerherz.

Es erzählte mir oft mein Herr Vater
von der Sesselfrau, vom Maronibrater.
Doch mit Fiaker und Wasserer gingen dahin
die schönsten Berufe aus Wien.
Man hat drüber g'sungen voll Herz und voll G'müt,
nur für einen Beruf gab's bis jetzt noch kein Lied:

Die alte Engelmacherin vom Diamantengrund,
die gibt's heut nimmermehr.
So manchem Mäderl, das in Not war,
und vor Angst und Scham halb tot war
hat gerettet sie die Ehr.
Sie hat an Floh gemacht aus jedem Elefanten
und erwarb viel Sympathie.
Weil hast du heut auch keine Sorgen,
hast du sie vielleicht schon morgen
und an Ausweg wußt nur sie.

Ihre Kundinnen, die waren niemals skeptisch.
Sie blieben ihr ein ganzes Leben treu.
Und war ihr Werkzeug einmal nicht ganz antiseptisch,
dann machte sie statt einem Engerl zwei.
Die alte Engelmacherin vom Diamantengrund
Verteidigte sich dann:
Überlegt's euch doch a wengerl,
's gibt im Himmel so viel Engerl
und auf ein, zwei mehr kommt's wirklich nicht mehr an. - Hallooo!

Sie hat viel Katastrophen verhindert
Auch die Wohnungsnot hat sie oft gelindert.
Und sie hat, auch wenns niemanden kümmert,
Atome zertrümmert als erste in Wien!
Sie verzichtete auf jeden Titelm
ja so bescheiden waren ihre Mittel.
Was die Ärzte erreicht hab'n mit viel Evipan
hat sie nur mit'n Gottvertraun tan.
Und manchmal als Lohn für ihr edles Bemühn
aa kommen die Engerl auf Urlaub nach Wien.

Zur alten Engelmacherin vom Diamantengrund,
wir liebten sie so sehr!
Weil ihre Hilfe war für alle,
znd ihr Sinn fürs Soziale
war beinah schon legendär.
Die alte Engelmacherin hat jeder kannt am Grund,
sogar die Polizei.

Ja, aber auch ein Polizeirat
Ist ein Mensch und ist verheirat'
Deshalb fand er nichts dabei.
Jedoch es gibt im Leben immer wieder Neider.
Die Ärzte hab'm ihr 's Handwerk abgestellt.
Die machen heut' genau das selbe, aber leider
verlangens dafür zehnmal so viel Geld!

Die alte Engelmacherin vom Diamantengrund
hat das net lang ertrag'n.
Und sie ist vor ein paar Jahrn
leider selbst ein Engerl word'n
und dann hab'n die andern Engerl sie daschlog'n - Hallo!

Der Protagonist

Dieser Herr Bronner war insgesamt und vor allem in seinen späteren Jahren ein ziemlich starrsinniger und uns 70er-Jahre Jugendlichen ideologisch nicht sehr nahestehender Mensch mit einer mehr als schrecklichen Ö3-Radiosendung. Wöchentlich hieb er darin gerne auf andere Musiker und Kabarettisten ein, z.B. auf ehemalige Freunde wie Georg Kreisler aber auch auf viele andere, sogar ausländische, die wohl weder er noch wir persönlich kannten. Die Popmusik mochte er ganz allgemein nicht, aber ganz besonders hatte der es auf gefährliche Liedermacher wie Robert Zimmermann aus den vereinigten Staaten von Amerika und Wolf Biermann aus der deutschen demokratischen Republik abgesehen.

Bob Dylan, sagte er einmal, habe der Freiheit und der Demokratie mehr geschadet als 50 russische Panzerdivisionen. Ich war, als ich das hörte, zwar gerade in einer Anti-Bob-Dylan- und Anti-Leonard-Cohen-Stimmung, konnte aber trotzdem nicht verstehen, warum gerade ein anderer Jude so gefährlich sein sollte. Was weiß man schon mit 16.

Überhaupt wäre die umfassende Untersuchung und Darstellung (ausschnittsweise gibt's dazu schon was) der verschiedenen Konflikte unter den eh so wenigen jüdischen Schnitzelland-Rückkehrern (Torberg/Weigel vs. Tausig, Bronner vs. Kreisler, Kreisky vs. Wiesenthal ...) vor dem Hintergrund der österreichischen Nachkriegs-Anti/Semitismus-gibt's-hier-nicht-mehr-Ideologie eine gröbere Anstrengung wert. Literaturliste gefällig?

Ab hier kann sich das p.t. Publikum dann sicher selbst weiter bingen oder googeln.

Man sollte dabei natürlich nie vergessen, dass Herr Bronner in früheren Jahren Songs und Dialoge geschrieben hatte, die in Verbindung mit der Interpretation durch den oben bereits genannten Herrn Q. zu Recht unsterblich wurden. Bei aufgeschlossenen Bürgern sowohl der Bundes- als auch der demokratischen Republik in Deutschland und bei nicht wenigen des Deutschen mächtigen Schweizern sind sie ebenso auf ein fasziniertes und lebhaftes Interesse gestoßen sind wie bei diversen Gymnasiasten in der tiefen österreichischen Provinz. Viel besser als in diesen Songs kann man auf Deutsch eine kleinbürgerliche Kritik an der Welt und ihren Zuständen nicht formulieren.

Jahre später

In den letzten Jahrzehnten des 20. Centuriums war der Herr Bronner, wohl als Gegengewicht zur anglo-amerikanischen Kaugummi-Musik und den verstörenden Machwerken Gitarre spielender Lärmmacher aus dem mittleren Westen, ein großer Förderer junger aufstrebender österreichischer, zwar ziemlich talentierter, aber vielleicht gerade deswegen kaum auzuhaltender Spezial-Peinlichkeiten.

Nicht nur den gescheiten Daniel, einen Umberto-Eco-Übertreffer und Sohn eines leider schon in der 3. Generation geschmadten Exkollegen, der sich späterhin noch als fulminanter und radikaler Kulturkritiker herausgestellt hat.

.

Nein, lange, lange vor dem feschen Dani unterstützte der Herr Bronner den Süßwarenfabrikantensohn und wirklich wirklich ersten Multimedia-Künstler unseres Ländchens, wenn nicht Erdteilchens, Franz A. Heller, ganz am Beginn seiner illustren carrière (bitte innerlich beim Lesen auf auf den accent grave achten) mit nahezu ungetrübtem Wohlwollen.

Besagter Heller jr. durfte schon damals im Fernsehen tolle Sätze sagen: Ich glaube dass die österreichische Jugend eine Gruppe voll narkotisierter Bewußtseinsbankrotteure ist. Leute, die eine silent minority sind und sich auf 1971 schminken. Er selbst und ein paar seiner engeren Freude waren dafür schon 10 und 25 Jahre vor dem echten Erleben so was von 1984 und 2001, dass man es sich heute gar nicht mehr vorstellen kann, wie Frau Pluhar im Video treffend anmerkt.

Dass sich die Denk-, Rede- und Dicht- und Singweise von Heller recht einfach spöttelnd nachahmen lässt, das haben ein gewisser Schiffkowitz (Texter und CoComponist, im fortgeschritteneren Alter leider gemeinsam mit den Compatrioten Timischl und Steinbäcker als fürstenfelderischer Verwaldungs- und Versechzigermeister tätig) und ein Herr Eik Breit (Vortrag) überzeugend dargetan, und zwar auf dem insgesamt die zeitgenössische österreichische Populärmusik ein wenig hinterfotzig kommentierenden Album "Spitalo Fatalo" der Formation "Erste Allgemeine Verunsicherung" eines gewissen Harald Thomas Spitzer.

Auch diese Gruppe fiel späterhin dem üblichen österreichischen Sturz ins Tiefe und Seichte anheim, aber Spitalo Fatalo, das konnte was. Es gab Zeiten, in denen auch Steirerblut echt noch keine Nudelsuppe war, irgendwie. Heute dagegen fragt man sich des öfteren, wou is des oullas hin?

Es wird Heller, doch nicht ganz

Und wenn der Weltschmerz sich in seinem eignen Spiegelbild verdingt
und Rilke Doppelsalti in der Zirkuskuppel springt,
dann lädt die Eitelkeit den Ausverkauf zum Stelldichein,
der Scharlatan stellt dem Genie ein Bein.

Wenn Worte tänzeln, in verschnörkelt reicher Eleganz,
sich winden um der Nichtigkeit banalen Talmiglanz,
wenn Wortmagie sich in der Elfenbeinfabrik verkriecht,
ja dann, dann wird es Heller, diesmal ganz.

Gott denkt in den Genies,
er träumt in den Dichtern,
und er schläft in den übrigen Menschen.

Der Qualtinger allerdings, der hat fast jedem gut getan, außer vielleicht der Frau und den Kindern. Und so ist praktisch das einzige Werk von André Heller, das wir des Erwerbs würdig fanden und auch mehr als einmal genossen, das Album "Heurige und Gestrige Lieder", das in Zusammenarbeit mit dem Besagten entstand. Das gehört zum Wiener Katalog, allein schon wegen Zeilen wie:

Gemma schaun, gemma schaun,
ob der Kaiser wirklich tot is?
Ob sei Hemmad bluadig rot ist?
Ober ob er tachiniert?

 
last updated: 08.04.18 18:48
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