Öffentlich-rechtlicher Mehrwert, ein Unbegriff

Wie es dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland, Österreich und der Schweiz passieren konnte und kann, einen Begriff für die Wiederherstellung der eigenen Stellung und des eigenen Werts zu verwenden, der beim größten Teil der Bevölkerung nichts als einen schalen und unangenehmen Beigeschmack erzeugt, erschien uns lange wie ein seltsames Rätsel.

Über Generationen hat die sozialdemokratische Form der europäischen Ideologie ihren Anhängern aber auch vielen anderen vermittelt, Mehrwert sei der Teil der Produktion, den die Kapitalisten einstecken. Seit dem ersten Weltkrieg erhebt der Staat die wunderbare Mehrwertsteuer, die besonders die Endverbraucher, und das sind wir ja alle, nicht so gerne zahlen, weil sie ja die volle Länge davon berappen müssen.

Schlussendlich, wenn die Autohändler nicht mehr weiter rabattieren können, schenken sie uns noch Fußmatten als Mehrwert und erklären uns auch gern, wo die Mehrwerte ihrer Modelle gegenüber denen der Konkurrenz bestehen.

Es erscheint uns unverständlich unklug, einen Begriff mit derart unsympathischen Konnotationen wie Mehrwert, der ja immer nur ein Akzidenz bezeichnen kann, zu verwenden, wenn die Legitimation von Grundwerten in Frage steht. Wollen uns die angeblichen Verteidiger dieser Medienform sagen, die gesetzliche Fest- und Durchsetzung der Entgelte, die ja immerhin fast immer den größeren Teil der Finanzierung bereitstellen, sei durch die Schaffung von ein bisschen Mehrwert legitimiert, indessen die basischen Werte doch gleich seien wie bei der völlig vom Markt regierten Konkurrenz?

Warum wurde der Begriff Public Value, der angeblich in Harvard erfunden* und 2004 von der BBC nach Europa importiert wurde, nicht ordentlich verarbeitet und übersetzt? Ist es ein Wunder, dass die deutsche WP eine Mehrwertstrategie kennt, aber genau bei diesem Artikel kein Link zu einer englischen Übersetzung vorkommt? Fragen über Fragen.

Der Mehrwert nach Thompson und Marx

In der Marxschen Arbeitswerttheorie bezeichnet Mehrwert den Teil der Wertmenge, den der Lohnarbeiter durch seine Arbeit produziert und der über den Ersatz des Wertes seiner Arbeitskraft und der eingesetzten Produktionsmittel hinausgeht. Also die für den Kapitalismus spezifische Form des Mehrprodukts.

Das Wort Mehrwert (surplus value) verwendet bereits William Thompson.

Die Mehrwertsteuer

In Deutschland führte der gewaltige Finanzbedarf im Ersten Weltkrieg 1916 zu einer reichseinheitlichen Stempelsteuer auf Warenlieferungen und 1918 zu einer Allphasen-Bruttoumsatzsteuer, die bis Ende 1967 beibehalten wurde. Der ursprüngliche Steuersatz von 0,5 Prozent stieg nach wiederholten Änderungen 1935 auf 2 Prozent, 1946 auf 3 Prozent und 1951 auf 4 Prozent an.

Seit der Harmonisierung des Steuersystems 1967 wird im deutschen Sprachraum – mit Ausnahme der Schweiz – der Ausdruck „Umsatzsteuer“ gleichbedeutend mit Mehrwertsteuer verwendet. Damals wurde das Umsatzsteuersystem auf die sogenannte Allphasen-Netto-Umsatzsteuer mit Vorsteuerabzug umgestellt. Dabei wird nur die Wertschöpfung, also der von einer Unternehmung erwirtschaftete Mehrwert, mit Umsatzsteuer belastet. Der Endverbraucher hingegen muss die Umsatzsteuer in voller Höhe bezahlen.

Die Mehrwertstrategie als Instrument der Kundenbindung

Im Wettbewerb zwischen den Marktteilnehmern nimmt die reine Preispolitik an Bedeutung ab. Dies hängt damit zusammen, dass diese nicht unbegrenzt fortgeführt werden kann, da eine Mindestmarge notwendig ist, um die Produkte sinnvoll abzusetzen.

Über die Mehrwertstrategie dagegen versucht das Unternehmen eine nachhaltige Kundenbindung zu erreichen.

Die Kosten für Mehrwertleistungen werden dagegen teilweise durch höhere Gebühren refinanziert.

Experten unter sich, das Publikum außen vor

Solche Kommunikationsfehler begeht niemand ungestraft. Begriffsfehler schlagen zurück und verfestigen sich als Denkfehler. In den 90er Jahren war es wohl richtig, aus der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Marketing und der geschäftlichen Praxis durch Marktzwänge kundenorientierter Unternehmen etwas lernen zu wollen.

Eine oberflächliche Beschäftigung jedoch, ohne tiefergehende Verarbeitung und Integration in die spezifische Welt öffentlich-rechtlich konstruierter Medien konnte nur - ähnlich übrigens wie bei den politischen Parteien zu den zerrissenen, hohlen und unglaubwürdigen Konzepten führen, die heute den öffentlich-rechtlichen Rundfunk prägen.

Dieser hätte erstens berücksichtigen müssen, dass sein Hörer und Seherinnen keine Kunden sind. Die Bezahlung der Gebühr kommt nicht als souveräne Entscheidung einer Person zustande. Das ist es nämlich, was einen Kunden ausmacht. Die Bezahlungsentscheidung wurde und wird auf politische Weise durch die repräsentative politische Elite getroffen.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat ein Publikum. Das Publikum entscheidet über die Legitimität dieser Einrichtung, indem es ihre Produkte als relevant empfindet und beachtet. Die Zustimmung des Publikums bei öffentlich-rechtlichen Programmen kann gar nicht durch Instrumente der Kundenbindung zustande kommen, weil a) das Publikum nicht aus Kunden besteht und b) die Seherbindung z.B. beim Fernsehen durch fortgesetzte Sendung interessanter Programme, die ihrerseits wiederum Versprechen auf in der Zukunft liegende interessante Programme sind, zustande kommt.

Im Fernsehen, anders als im Radio speziell kommt diese Bindung zu bestimmten Sendungen und eher wenig zum Sender zustande. Die richtigen Sendungen entscheiden also über Seherbindung, über Relevanz und über die Legitimität beim Publikum. Und auf keinen Fall irgend ein immer nur eingebildeter Mehrwert.

Die politischen Elite entscheidet über die Legitimität, indem sie das Publikum beobachtet und dessen Entscheidungen wahrnimmt. Kommt diese Wahrnehmung nicht zustande, entscheidet dieselbe Elite nach der Nützlichkeit für sich selbst.

 
last updated: 21.05.19 09:38
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U get 1 big smile from me 4 that comment! And yes, i do not like embedded except it is good like this. It's like....
by StefanL (19.05.19 16:30)
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by tobi (19.05.19 10:57)
Yeah
That's an adequate comment! Und das erste Zitat ein ganz besonders tolles Beispiel für den "Umschlag von Quantität in Qualität".
by MaryW (15.05.19 19:57)
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In the future everyone will be famous for fifteen people. – Momus You’ll always be a planet to me, Mr Bacchus. – Charon Fußnote! Find....
by tobi (15.05.19 14:07)
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by StefanL (13.05.19 00:55)
...
???
by StefanL (05.05.19 21:15)
...
what about hindsight is 20/20?
by tobi (05.05.19 14:00)
Ja echt.
Vielleicht schaffen wir es aber ja wieder einmal auf ein Konzert zusammen.
by StefanL (01.05.19 05:55)
...
oh schade, verpasst…
by tobi (30.04.19 09:07)
...
Als ethnische Gruppe bezeichnete Max Weber eine "Menschengruppe, welche auf Grund von Ähnlichkeiten des äußeren Habitus oder der Sitten oder beider ... einen subjektiven Glauben....
by StefanL (28.04.19 07:28)
vielleicht aber
hat er auch während des Moderierens seinen Text sozusagen live in die Wikipedia kopiert? (leider wird diese theorie durch überprüfung der datenlage nicht unbedingt erhärtet.)
by chris (30.03.19 09:08)
d'accord
👍
by misc (28.03.19 09:28)
...
Na, heute wird er nicht weinen, sondern die Korken knallen lassen. Aber bald wird er wieder weinen, nämlich wenn er mit Verspätung merkt, dass der....
by ArchibaldL (27.03.19 06:15)
...
mal sehen, ob Döpfner noch weint, wenn heute die Abstimmung im EUP gelaufen ist…
by tobi (26.03.19 08:42)
Großbritannien
wäre auch ein gutes Beispiel. Trotz Mehrheitswahlrecht Koalition. Aber Du hast insoferne natürlich schon recht, weil ja die 10-Parteien-Demokratie eher der Normalfall ist als die....
by StefanL (25.03.19 21:50)
...
das system zentralregierung ist mir ein rätsel. selbst oder vor allem nach der lektüre von e.p. thompson, "the making of the english working class". bin....
by motzes (25.03.19 19:31)
von hinten aufrollend
energy:harvesting energy is ein nettes konzept des letzten jahrzehntes, für energieschluckendes kleinvieh. wahlergebnisse:bei mehr antretenden parteien geht sich seltener eine absolute aus, odr? die geschichte....
by motzes (24.03.19 17:16)
Hmm
Wir haben Ihre Kritik jetzt doch ernst genommen und einen Satz und einen Absatz eingefügt. Da war wirklich trotz der sehr engen und kompetenten Zielgruppe....
by StefanL (24.03.19 08:29)
Danke
Was fehlt? Ist extra nach einer klassischen McLuhan-Bacon Regel elliptisch, damit die geneigte Leserin eigene Schlüsse ziehen und eigene Recherchen anstellen kann.
by StefanL (24.03.19 08:28)
👍
Interessant. Zu kurz.
by Goldchen (22.03.19 16:47)

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