Konjunktur für Wichtigmacher

Nach langer Zeit verlinken wir wieder einmal einen Bericht der futurezone zu einem interessanten Thema. 78 Kommentare bezeugen das Interesse daran.

Voller Schreibtisch, viel Korrespondenz, kein Computer Terminal

".... denn die Leute sind sehr kreativ im Erfinden neuer Methoden, andere in der Arbeit zu unterbrechen".
Diese Kultur des vermeintlichen Sofort-antworten-Müssens begünstige ganz eindeutig einen bestimmten Typus: den Wichtigmacher, der davon überzeugt ist, seine Arbeit sei wichtiger als die anderer, und sich deshalb herausnimmt, die Kollegen zu unterbrechen, wann immer er es für richtig hält ..."

"... Die vielbeschworene Fähigkeit zum "Multitasking" hält Spira für einen Mythos. Alle Erfahrungen hätten gezeigt, dass es eben nicht so einfach möglich sei, mehrere Aufgaben gleichzeitig effizient zu erledigen ..."

Was journalistisch ein wenig schade ist, ist, dass der Bericht leider kaum einen eigenen Gedanken enthält. So etwas scheint sich in diesem Land nicht mehr auszugehen, anscheinend auch nicht dann, wenn man Erich Möchel heißt, bei der Gründung der futurezone im '98er oder '99er Jahr schon dabei war und auch davor einer der wenigen Menschen aus dieser Generation war, die für Computer und Datennetze vor dem Zwang in der zweiten Hälfte der 90er-Jahre nicht nur Ignoranz und Verachtung übrig hatten.

Der Anlass für den Bericht war ein New Yorker Online Symposion: Information Overload Awareness Day. Das Online Symposion wurde von der Beratungsfirma Basex und ihrem GF Jonathan Spira durchgeführt.

Das "Information Overload" Thema gibt es nun schon lange. Der älteste im Bericht verlinkte ähnliche futurezone Artikel stammt aus dem Sommer 2006. Da fällt dann auf, dass jener Bericht, genau so wie der aktuelle, auf einer Verbindung zu Jonathan Spira und seiner Firma Basex beruhte. Der 2006er Bericht hatte ein ad personam, das dadurch geheiligt wurde, dass der Vater von Spira (hierzulande eine bekannte Familie), ein österreichischer Emigrant und Fotozubehörhändler war, der genug Bedeutung hatte, um in den New York Times einen Nachruf zu bekommen, erwähnt wurde.

Wir denken auch, dass man den so genannten Information Overload (falscher Begriff), seine Phänomene und seine Bewältigung immer wieder thematisieren muss. Dennoch finden wir, dass nicht nur die Wissenschaft, sondern auch der Journalismus ein Gedächtnis haben sollte und so eine Geschichte nicht einfach wiederholen sollte. Das bedeutet dann halt deutlich mehr Arbeit und Anstrengung des Gehirns. Man muss dann mehr durchlesen. Gute Online Berichte von Schlechten unterscheiden. Sinnvolle Links zu Berichten mit neuen Aspekten setzen. Nicht einfach billig das "Suche ähnliche Geschichten" feature benutzen.

Es genügt auch nicht, so eine Geschichte einfach hinzuschreiben, wenn man von einem - vielleicht sogar persönlich bekannter - Berater kontaktiert wird, einfach zu denken, gut, das werden die anderen nicht haben. Das ist einfach nicht genug. Kann schon sein, dass diese Berater inzwischen bessere Symposien machen als die Universitäten, dann sollte das aber auch klar gemacht werden.

In den USA gibt es auch eine APA, die American Psychological Association. Im Jahr 2001 veröffentlichte sie auf ihrem Website (APA.org) unter dem Titel "Is Multitasking more Efficient?" eine Einleitung zu einer Studie, die offensichtlich von der FAA und der University of Michigan zum Thema Human Task Switching durchgeführt wurde. Der zugehörige wissenschaftliche Artikel ist dort im Ganzen (35p.) erhältlich. So erfährt man etwas Neues. Damit hätte man etwas Eigenes schreiben können.

Mir persönlich hat auch eine Story von ABC News gut gefallen. Warum?. Weil sich die Autoren Farnaz Javid und Ann Varney trauten, eine Aussage zu machen:

Put Away the BlackBerry, Stash the iPod: Our Brains Aren't Built to Multitask

So etwas würde sich Herr Möchel nie trauen. Er schätzte, er könnte es sich dann ewig mit seinen Blackberry und iPod süchtigen Fans verscherzen.

Jede anständige Betrachtung eines Schadens beginnt mit einem Zeugnis: z.B. Donald Knuth vs. E-Mail. Muss nicht jedesmal erwähnt werden, aber das sollte man kennen:

I have been a happy man ever since January 1, 1990, when I no longer had an email address. I'd used email since about 1975, and it seems to me that 15 years of email is plenty for one lifetime.

Email is a wonderful thing for people whose role in life is to be on top of things. But not for me; my role is to be on the bottom of things. What I do takes long hours of studying and uninterruptible concentration. I try to learn certain areas of computer science exhaustively; then I try to digest that knowledge into a form that is accessible to people who don't have time for such study.

Wir zum Beispiel, bei TinyTalk plc, benutzen E-Mail sporadisch seit 1986 und regelmäßig seit 1989. Das sind mehr als 20 Jahre. Wir haben das meistens halbwegs im Griff. Wir sind weder on the top noch on the bottom of things. Aber E-Mail ist irgendwie lernbar. Das Problem ist nicht das E-Mail, das Problem sind Kommunikationstrukturen und Fehler in Management-Theorien. Da kann und soll weiter geforscht und berichtet werden. Die Erwähnung des Themas alleine, eines Kongresses, und wenn er in NYC stattfindet und 2-3 Bonmotschkerln alleine ist einfach nur noch fad.

The most or second most famous Multitasker in history, Mr. Bonaparte

ANFSCD: Wenn Ihr Euch wirklich für Multitasking bei Menschen interessiert, dann beschäftigt Euch mal mit Napoléon Bonaparte aus Korsika und/oder Gaius Julius Caesar aus Rom. Dabei erfährt man, dass es Menschen mit extrem schnellen Umschaltefähigkeiten und breit gestreuten Talenten wirklich gibt, dass das eher seltene Talente sind und wie weit man dann als echter Wichtigmacher kommen kann.

Lest bitte vielleicht auch mindestens die letzten Absätze unseres Pamphlets "Unethical Behaviour - Victories are for Losers". Wir haben uns dafür einigermaßen angestrengt.

PS: Die erste Version dieses Postings war auch ziemlich schlampig geschrieben, wie ich zugeben muss. Ein paar Schlüsselwörter haben uns gekriegt. Nicht mal die ganze Geschichte durchgelesen. Auch nicht viel nachgedacht. Schnell hingefetzt. Entschuldigung.

 
last updated: 23.04.19 23:21
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