15 Minutes of Fame, Tactics for Eternity

Von Andy Warhol ist überliefert, er habe in Stockholm 1968 bei der Eröffnung einer seiner Foto-Ausstelliungen gesagt,"In the future, everyone will be world-famous for 15 minutes." Laut wikipedia habe er seine Voraussage 1979 mit den Worten bestätigt": ... my prediction from the sixties finally came true: In the future everyone will be famous for fifteen minutes.”

Warhol bezog wie Marshall McLuhan diesen Aphorismus wohl aus der Beobachtung gewisser Effekte des in dieser Zeit schon globalen Fernsehens (the People's Republic of China 1958, Southern Rhodesia 1960, Israel 1966, South Africa 1971), Shows mit Publikumsbeteiligung und vielleicht ebenso wie McLuhan, ohne viel davon zu erwähnen, aus den Ahnungen, die Scharfsichtige in den 60er Jahren aus Filmen wie "2001, A Space Odyssey", Fernseh-Serien wie "Startrek" und aus verschiedenen kursierenden akademischen Arbeiten und Magazinartikeln von den vermuteten utopischen Effekten der Computer-Kommunikation gewinnen konnte.

Herr Warhol war wie viele andere Künstler-Stars der 60er Jahre in seiner Eigenvermarktung natürlich nicht so demokratisch, wie er sich in Interviews und bei Ausstellungen gerne gab. Durch die Einrichtung seiner Factory, die raffinierte Rekrutierung und Pflege interessierter, subtil oder weniger subtil ausgebeuteter Mitarbeiter, die Verwendung langlebiger Druckfarben auf klassischer Leinwand, die Speicherung sowohl der von ihm direkt geleiteten als auch der nur inspirierten Verarbeitung von Bewegtbildern auf Sicherheitsfilm und die geschickte Behandlung von Museen, Filmarchiven und die Kreation von Büchern hat dieser Mann für seine eigene Person schon für die, sogar post-mortale, Nachhaltigkeit des Ruhms gesorgt.

In den bisherigen Ergebnissen des utopischen Strebens, den sogenannten sozialen Netzwerken, erweist sich allerdings, dass die Zeilen aus Leonard Cohens Song

Everybody knows, the dice are loaded,
everybody rolls with their fingers crossed,
everybody knows the war is over,
everybody knows the good guys lost.
Everybody knows the fight was fixed
The poor stay poor, the rich get rich.

eine gewisse Allgemeingültigkeit behalten haben. Diese Plattformen bringen allerdings wie jedes neue Netzwerk auch neue Stars hervor und die etablierten aus den alt genannten Medien, die nicht dazu- oder umschalten können, werden halt ausgeknipst. Die Chance aber, 15 Minuten berühmt zu sein, die ist im Fernsehen immer noch höher als in Facebook, Instagram, Twitter oder Youtube. Und alle Hoffnungen der frühen galaktischen PC- und Internet-Utopien von der gleichmäßigen Verteilung von Ruhm, Ehre und Geld erweisen sich bislang für die Mehrheit als trügerisch.

Das Universum des alles überragenden Geistes

In der Welt der Geistesarbeiter gibt es neben dem dominierenden, aber doch recht einseitigen Twitter auch noch andere Plattformen für die intellektuelle Dauerweltmeisterschaft. In der Wikipedia ist ja leider die namentliche Autorschaft trotz der Bemühungen von Herrn Döpfner & Consorten for all practical purposes praktisch ganz getilgt. Und während früher die Mehrheit der europäischen Universitätsneulinge im Unterricht fast immer von Diderot, etwas weniger von le Rond d’Alembert und ihrer Enzyklopädie gehört hatten, und sogar einige Gebildete sich bis heute sich an ersteren erinnern, ist Jimmy Wales' Berühmtheit keinesfalls mit der von Jobs, Zuckerberg, Gates, Page, Brin, Musk, ja nicht einmal mit der von Ellison, Torvalds und Andreesen zu vergleichen.

Sie rührt da, wo sie besteht, auch mehr von seinen Schnorrbriefen als seinen Gründer-, Verleger- oder Produzenten-Leistungen her. Von Larry Sanger hat in meiner Welt eh nie jemand geredet. Die wirklichen Autoren wichtiger Enzyklopädien kannte früher auch "niemand" und so ist mit Bezug auf den fünftmeist genutzten Website der Welt, die Wikipedia nur den ganz wenigen extremen Insidern die eine oder andere Autorin hinter der Fülle vieler brillianter Kurzessays dort bekannt. Wer sieht sich schon die Diskussionsseiten mit den kryptischen Nicknames oder die Copyrights der Millionen Bilder an? Tatsächlich fällt heutzutage TV-Moderatoren, Sportstars, Show-Masterinnen und Foodbloggerinnen das intellektuelle Berühmtwerden um einiges leichter als unseren famosen Wissenschafter/innen.

Für das klassische Superstardom auf dem Gebiet der Wissenschaften muss man schon einen echten, populärwissenschaftlich und ohne Expertenwissen verständlichen Bestseller schreiben, wie z.B. Yuval Harari mit seinem "Sapiens, A Short History of Mankind". Harari bringt ja auch weniger wissenschaftlich Standards wie Jahreszahlen und historische Personen, sondern richtet seinen Blick schräg auf bereits erarbeitete Erzählungen und ganz allgemeine Phänomene wie Landwirtschaft, Handel, Krieg und Geld. Da hat dann auch keine/r Stress mit Faktenchecks oder Widerlegungszwang. So ein Buch erhöht gegenüber dem Fernsehen, Youtube und allen anderen elekronischen Medien die Chance auf Nachhaltigkeit und postmortales Nicht-Vergessen.

Allgemein ist die Geschichtsphilosophie das beste Feld für so einen Coup. In der Physik dagegen sollte man in den 60er Jahren eine mathematisch wasserdichte Theorie vorgeschlagen haben und wird erst berühmt, wenn einen Institution wie das CERN ankündigt, nach dem dort postulierten Teilchen, das nun auch abwechselnd nach dem "Erfinder" und Gott benannt wird, suchen zu wollen. Allerdings habe ich jüngst den Bekanntheitsgrad von Wolfgang Pauli, der das mit dem Neutrinchen vorgemacht hat, im Bekanntenkreis abgecheckt und zweifle inzwischen sehr an der Langfristigkeit dieser Taktik.

Für bescheidene Institutionen wie TinyTalk plc mit bescheidenen Autoren, denen die sauren Trauben eh immer zu hoch hängen, gibt es Plattformen wie academia.edu, wo man sich mit, sage und schreibe, 83.752.576 Akademikern aus aller Welt treffen, Texte, die eine Aufmerksamkeitsspanne von 30 Minuten oder mehr erfordern teilen, und, wenn man das Geld hat, mit einem Jahresabo von $ 7.99 alle möglichen statistischen Funktion auf den Servern der Institution ausführen lassen kann.

Alles, wie es sich gehört

Wie heutzutage üblich, schicken sie einem von dort auch Benachrichtigungen, wenn "man" heruntergeladen, zitiert oder wenigstens erwähnt wurde. Und so flattert mir seit Jahren in regelmäßgien Abständen ein Erinnerungsbriefchen in mein elektronisches Zweitpostfach, ich sei in zwei Papers vorgekommen. Noch nie konnte eines meine doch heftige vollautomatisierte attention-span-defense überwinden und bei meinen brutalen, unregelmäßigen Aufräumaktion gehen diese Briefchen den Weg alles Irdischen. Sorry, no time at all for this bullshit. Schreibt mir auf guten Papier, so wie die Uni in Harvard, die mir nach lediglich 2 PDF-Downloads hochwertigstes Werbematerial für einen noch hochwertigeren und hochpreisigeren Kurs postalisch hat zukommen lassen.

Weil aber meine mühselig austherapierte narzistische Störung derzeit durch zu viel Arbeit, kleine Erfolge, zu wenig berufliches liebvolles Feedback und verschiedenste Experimente auf dem Zwitscherdienst und im Visagebuch leider grad wieder ihr schreckliches Haupt zu erheben beginnt, habe ich vergangene Woche tatsächlich auf so ein Mail geklickt, mein Profil auf academia.edu aktualisiert und dann die Erwähnungen gecheckt. Und siehe da, eine von den beiden traf wirklich mich. (DI Algo Rhythmus hatte mich im zweiten mit einem entfernten Vorfahren oder Verwandten verwechselt, der im 18. Jahrhundert für die k.k. Armee eine Karte der unteren Donau verfertigt und kam deswegen in einer Publikation des Center for the Reasearch of Antiquity in South-East Europe vor.)

Nun zu meinem Claim To Fame: Ein gewisser Herr Schüller, wenn ich es richtig lese, pensionierter Pathologe und Student der Soziologie hat auf academia.edu einen ziemlich interessanten Essay zur Krise des Antiquariats unter dem Titel "Antiquariat heute: ein Spiegelbild gesellschaftlichen Wandels?" veröffentlicht. Laut eigenen Aussagen stützt sich seine Betrachtungsweise auf die Theorien von Walter Benjamin, Pierre Bourdieu, James Clifford und Howard Becker, lauter Autoren also, die ich selbst lese und schätze. Nicht schlecht.

Und nun das Beste

Mein Name kommt nur in einer Fußnote und in der Literaturliste vor, kein Zitat also, nur eine Erwähnung. In Anmerkung 4 steht da: "Den folgenden kursorischen Ausführungen liegen zugrunde: BALTES (2011). DÖRK (o.J.), [POST-GUTENBERGGALAXIE (o.J.)], HARNAD (1991), LAUTERER (2011). Nicht schlecht für den Anfang. Die nachfolgende Anmerkung (5) ist auch nicht von schlechten Eltern: "So im griechischen Rhapsodentum zu Zeiten Homers oder als mündliche Lehre Moses, der Mischna (הָנְׁ שִ מ , Teil des Talmud). Uff.

Die richtige scharfe Sache kommt aber in der Literaturliste und verdanke sie dem Alphabet, dem L in meinem Namen und der Sitte der Sortierung. Ich stehe da im Abschnitt "Buch und Internet: Gutenberg-Galaxie und global village - Mediensoziologie" zwischen K und M und das sieht so aus:

  • Khittel, Stefan, Barbara Plankensteiner, und Six-Hohenbalken, Hrsg. 2005. Contemporary Issues in Socio.Cultural Anthropology. Perspectives and Research Activities from Austria. Wien: Löcker.
  • L., Stefan. 2011. Ein Prophet kehrt zurück. Ein Denker, zwei Würdigungen: Für Stefan Lauterer hat die Beschäftigung mit dem Vermächtnis des kanadischen Theoretikers [Marshall McLuhan] noch gar nicht richtig begonnen. Der Standard.
  • McLuhan, Marshall. 1962. The Gutenberg galaxy. The making of typographic man. [Toronto]: University of Toronto Press.
  • McLuhan, Marshall. 1964. Understanding media. The extensions of man. London: Routledge & Kegan Paul.
  • McLuhan, Marshall. 1994, ©1968. Die magischen Kanäle. (Understanding media: the extensions of men), Bd. 127. Dresden: Verlag der Kunst.
  • McLuhan, Marshall. 1995. Die Gutenberg-Galaxis. Das Ende des Buchzeitalters. Bonn, Don Mills, Ont.: Addison-Wesley.
  • Ong, Walter J. 2002. Orality and literacy. The technologizing of the word. London, New York: Routledge.
  • Sander, Uwe, Hrsg. 2008. Handbuch Medienpädagogik. 1. Aufl. Wiesbaden: VS, Verlag für Sozialwissenschaften

So muss man mal in einer Literaturliste stehen. Ich bin schon ganz rosa angelaufen. Jetzt, wo ich das entdeckt habe, ganz ohne self-googeling, wie ich noch einmal betonen möchte, sondern weil mein unbewusster Hintergrundprozess ohne Autorisierung durch das freud'sche Ich und ganz ohne Zutun der linken Gehirnhäfte mal ganz kindlich ein PDF von academia.edu heruntergeladen und vergessen hat, die angetragenen Benachrichtigungen, abzuhaken.

Wenn unsereins sich schon so mit dem Narzissmus, dem Sich-geschmeichelt-Fühlen und der scheinbaren und echten Zuwendung herumschlagen muss, wie soll es dann erst unseren Ministern, Milliardären und Moderatoren ergehen. Wir fragen uns das schon seit Jahren und haben außer der sehr prälimären, auf McLuhan und Bourdieu gestützten Erstdiagnose praktisch nichts, ganz zu schweigen von einer Antwort.

Addendum: Walter Ong war ein Jesuit und sehr feiner Beobachter. In der europäischen Linken wurde er wenig gelesen, mir haben zwei seiner Bücher aber ausnehmend gut gefallen. Mit diversen Abstrichen natürlich. Geht nicht anders in der tinytalk-Redaktion. Auch so was neurotisches, der Kritikzwang. Vielleicht teilen wir das wieder als Pflichtlektüre für den Nachwuchs und zum kursorischen Wiederlesen bei den Redaktionsveteranen aus. Amen.

Post-Addendum: Dieser Text mag den Eindruck erwecken, Ruhm, Ehre und Narzissmus wären rein männliche Probleme. Weder Namen von Frauen noch Bilder von ihnen kommen hier vor. Die tinytalk-Redaktion legt aber Wert auf folgende Klarstellungen. Wir wissen hier in Jamaica sehr genau, dass es stets hervorragende Wissenschafterinnen gab und dass in der Mediengesellschaft Frauen sich auch sehr mit dem Narzissmus herumschlagen müssen. Im Zuge dieser Ereignisse und der Recherchen ist diesmal halt keine aufgetaucht, was vielleicht auch an den berührten Spezial-Themen und der sicher immer noch nicht ganz überwundenen Verfasstheit der akademischen Welt liegen mag. Sei es wie es sei.

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What Lifted Jobs And Gates Out Of Their 8-bit Misery

This is what is. A commercial. In 1979 Xerox introduced its vision for the office of the future. Years ahead of its time, the 1972 Xerox Alto featured Ethernet networking, a full page display, a mouse, laser printing, e-mail, and a windows-based user interface. Although it's high price limited sales, the Alto was a groundbreaking invention. Most everything about the computing (interactive access visual and aural interface) and networking revolution (send around the office or around the world) that was going to come was knowable 40 years ago - for interested and attentive experts and everybody who watched commercials.

Nearly all Computing History Books discuss the dispute between Gates and Jobs or rather their respective companies on who went to PARC first and how secret all of that was. It was not. Xerox gave Smalltalk to a couple of other computer companies to implement, did commercials for its future products and gave demos to a lot more people than only Jobs and Gates.

We do not know if the communication departements of MSFT and AAPL who by their publications had a huge influence on PC history created that impression by intent or by ignorance. That does not matter too much either. Any which way it is the task of later historians to uncover or recover the best possible approximation of truth. And - it should be the task of decision-makers in the industry, the media and politics to know that history a lot better than they do to inform their perspective and the settings they implement by laws, regulations and business strategies.

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Gute Zeiten für gebrauchte AIs

Am Dienstag hat mein aufmerksamer Kollege Philipp einen interessanten NiemanLab-Artikel von Christine Schmidt vom 8. April 2019 über Facebooks "Local News" Aktivitäten verlinkt. Philipp schreibt dazu: Facebook und Local News: It's complicated. Interessanter Einblick in einen Teil von Facebook, den wir hier in Europa so nicht haben. Es ist immer gut, sich so etwas anzusehen, weil es in ein paar Jahren vielleicht doch zu uns "nach Europa" kommt.

"Falls Ihr nicht wisst, was "Today In" ist, macht Euch vorläufig keine Sorgen", schreibt Frau Schmidt. Anscheinend haben erst 1,1 Millionen Facebook Mitglieder "Today In" in ihren Apps abonniert. Man muss den Dienst über das Burgermenü aktivieren, manchmal poppt eine Nachricht daraus im News Feed als Trigger auf. Laut Nieman Lab wurde der Dienst in ein paar wenigen Test-Städten Anfang 2018 gestartet und steht heute in mehr als 400 Städten in den Vereinigten Staaten zur Verfügung.

Was hat Facebook mit "Today In" vor?

Facebook really wants to put quality local news in front of its users, it says, through its “Today In” feature - but the local news just doesn’t exist! “About one in three users in the U.S. live in places where we cannot find enough local news on Facebook to launch Today In,” product marketing manager Jimmy O’Keefe and local news partnerships lead Josh Mabry wrote last month.

In den letzten 4 Wochen hätte das System jeweils kaum mehr als 5 halbwegs aktuelle Artikel mit Bezug zu diesen Städten gefunden, berichteten O'Keefe und Mabry letzten Monat.

Was für Nachrichten bietet Facebook in diesen Städten an?

Crime and Court. "Verbrechen, Gericht und Tötungsdelikte, oft nur Schlagzeilen wie 'TEEN MISSING' oder 'SEXUAL PREDATOR ON THE LOOSE' und kaum weiterverarbeitete Polizeiaufrufe, das mache mehr als die Hälfte der Geschichten aus." schreibt Christine Schmidt.

Um zu sehen, was in den übertragenen Nachrichten passiert, hat sich die Autorin "Today In" Stories für 10 Städte, darunter Raleigh, New Orleans, Akron und Boise, sowie weitere kleinere Stätte von Massachusetts bis Texas eine Woche lang von Montag bis Freitag angesehen.

Substanz und vorläufiges Fazit zu "Today In"

Was hat Christine Schmidt noch gesehen? Satire, Todesanzeigen von Websites von Bestattungsunternehmen, viel lokales Fernsehen und ein seltsames Netzwerk von Diensten, die nur echte lokale Nachrichten-Sites abgrasen und es trotzdem irgendwie durch die Filter von Facebook schaffen. Und immer wieder hätte mehr als die Hälfte der Nachrichten von Verbrechen, Gerichtsverhandlungen und Leichen gehandelt. Weitere Beiträge enthielten Links zu mehrere Tage alten Berichten aus Nachbarstädten oder Headlines offener Websites von Zeitungen großer Städte (z.B. Boston Globe) in etwas weiterer Entfernung.


Quelle: Nieman Lab

Entsprechend nüchtern fällt das vorläufige Urteil aus: "Our analysis of the links 10 cities saw in Facebook’s local news section found funeral home obituaries, years-old stories, and yes, some meaningful local journalism. But not a lot."

Das Geheimnis wird gelüftet

8 Tage nach Schmidt, am Tag von Philipps Tweet, veröffentlichten Nicholas Thompson und Fred Vogelstein in Wired einen nach allem Anschein gut recherchierten Aufmacher mit dem Titel 15 Months of Fresh Hell Inside Facebook. Neben vielen anderen interessanten Entwicklungen behandeln die Autoren die Bemühungen von Facebook, Gewalt, Pornographie und Hassreden mittels künstlicher Intelligenz zu markieren und eventuell zu sperren. Der ökonomische, soziale und politische Druck auf diese Thematik ist inzwischen ja auch riesengroß.

Ultimately, Facebook knows that the job will have to be done primarily by machines-which is the company’s preference anyway. Machines can browse porn all day without flatlining, and they haven’t learned to unionize yet. And so simultaneously the company mounted a huge effort, led by CTO Mike Schroepfer, to create artificial intelligence systems that can, at scale, identify the content that Facebook wants to zap from its platform, including spam, nudes, hate speech, ISIS propaganda, and videos of children being put in washing machines.

Die Bemühungen des Unternehmens in diesem Bereich seien vor drei Jahren noch "im Nirgendwo" gewesen. Facebook habe aber schnell bei der Klassifizierung von Spam und der Erkennung von verbaler Terrorismus-Unterstützung, Tod und Gewalt Erfolg gehabt. Inzwischen würden mehr als 99% solcher Inhalte identifiziert, vor ein menschliches Auge sie zu Gesicht bekäme. Sex allerdings sei, so wie allgemein im menschlichen Leben, komplizierter. Nur die Erfolgsquote bei der Identifizierung von Nacktheit betrage 96 Prozent. Hassrede sei noch schwieriger als Sex: Alle AI-Prozesse zusammen fänden nur 52 Prozent davon vor Zensoren und Nutzer das täten.

News Policy Inside of Facebook

In Kapitel V des Artikels wird es wirklich spannend. Es geht um die Management-Auseinandersetzungen bezüglich Facebooks Umgang mit Nachrichten-Medien. Der Social-Engagement-Analytics-Anbieter Parse.ly hatte noch 2017 ermittelt, dass 40% des "outbound traffic" von Facebook zu News-Sites ging. Im Mai 2018 war diese Zahl auf 25% gesunken. Wir wissen nicht, wie seriös Parse.ly misst oder, wie man besser schreiben muss, kompetent schätzt, aber den Trend konnten und können viele bestätigen.


Quellen: Parse.ly und Wired

Wired selbst verlor eines Tages 90% seines Facebook-Traffics. Proteste und Ausreden lösten sich ab, eine Menge E-Mail-Verkehr folgte. Am Ende stellte sich heraus, dass ein "Algorithmus" von Facebook eine Whisky Werbung auf den Wired Seiten als "misleading engagement bait" klassifiziert und folgerichtig die Luft aus den Wired Reifen gelassen hatte. Die Sache wurde repariert aber das Wired Management wurde schmerzhaft daran erinnert, dass Medien auf Facebook nun mal nur kleine Pächter auf dem sozialen Interaktionsacker sind.

Innerhalb von Facebook war für viele Manager natürlich nicht überraschend, dass der Verkehr zu den Verlegern seit der Betonung von "meaningful social interactions" zurückgegangen war. Darum war es gegangen. Es bedeutete einfach, dass die Menschen mehr Zeit Posts unter Freunden und Familie verbrachten, den Inhalten, die Facebook groß gemacht haben und die es unterscheiden.

Manche hätten gefunden, es sei gerecht, dass die Verleger jetzt, die so viel Negatives über das Unternehmen publiziert hatten, jetzt selbst Schmerzen zu spüren bekamen. Anne Kornblut, die Leiterin der Abteilung "News Partnerships" verneint das öffentlich. Wie dem auch sei, im Frühsommer 2018 habe auch auch das Top-Management gefunden, die entsprechenden Effekte gingen nun zu weit. COO Sheryl Sandberg, die laut Insidern bei negativer Berichterstattung immer als erstes nervös wird, habe ein Meeting ihrer Top-Führungskräfte einberufen.

Debatte und Entscheidung

Dort wurde eine 2-monatige Debatte lanciert, mit dem Ziel, zu prüfen, ob Facebook den "Algorithmus" nicht so anpassen könne, dass "seriöse Publikationen" nicht wieder mehr "gefördert" werden könnten. Das "Nachrichten-Team" wollte, dass öffentliche Inhalte, die von Nachrichtenorganisationen, Unternehmen und Prominenten geteilt würden, wieder mehr Platz bekämen. Es wollte auch, dass das Facebook vertrauenswürdigen Verlegern wieder mehr "Boost" verschaffe.

Zudem schlug es vor, ein großes Team von Kuratoren zu engagieren, um die qualitativ besten Nachrichten in den News Feed zu pushen. Sogar die Einrichtung einer eigenen News-Sektion im Web und der App wurde erwogen, um mit Apple-News und Google's News-Aktivitäten "mithalten zu können".

Mehrere Topleute, allen voran Chris Cox, damals noch "chief product officer" stimmten laut Wired überein, es sei Zeit, den seriösen Verlegern wieder "a leg up" zu verschaffen. Andere seien skeptisch gewesen, insbesondere Joel Kaplan, der ehemalige stellvertretende Stabschef von George W. Bush und jetzt "vicepresident for global public policy". Qualitätsmedien zu fördern würde unausweichlich so aussehen, als unterstütze Facebook die Demokraten, soll er argumentiert haben und das würde auf jeden Fall zu "Problemen mit Washington" führen. Am 9. Juli soll sich Zuckerberg in der Entscheidungssitzung auf die Seite Kaplans geschlagen und damit auch eine Machtverschiebung bei Facebook eingeleitet haben.

Die spekulative tinytalk-Analyse

Die Wired-Recherche kann man aufgrund vieler Qualitätsmerkmale trotz der großen Entfernung wohl als einigermaßen seriös einstufen. Cox scheint verloren und Kaplan gewonnen zu haben. Der Rücktritt von Cox als CPO am 14. März 2019 scheint das zu bestätigen. Wie dem auch sei, die Nutzung, die Facebook den großen Nachrichten-Medien in den USA zuführt, hat sich seit Sommer 2018 nicht wirklich erholt.

Wir wissen nun auch, wo Facebook am meisten in die AI genannte Mustersuche investiert hat: in die Erkennung negativer Inhalte. Kein Wunder dass Facebooks AIs so gut auf Tod, Verbrechen, Gericht und vermisste Teenager trainiert sind. Der "Algorithmus" muss ja nicht nur gut, sondern auch schnell sein.

Ob "Today In" nun ein nebenläufiges Projekt war oder das einzige ist, was vorläufig von Facebooks News-Initiativen übrig blieb: Wahrscheinlich haben seine Projektmanager die "Deep Learning" - Abteilungen gefragt, ob sie nicht billige gebrauchte AIs für Bild- und Texterkennung hätten, die in der Lage wären, die Inhalte lokaler Nachrichtenangebote zu automatisch zu analysieren und dann geschickt in die Newsfeeds der gewonnenen Abonennten einzuspeisen. Wahrscheinlich haben sogar ein paar Experten die Hand gehoben und auf den negativen Bias, der durch das Training und die Lernmodelle entstanden ist hingewiesen. Vielleicht haben ein paar sogar versucht die vom vielen Scannen schon neurotisierten neuronalen Netzwerke umzuschulen.

Das Fazit

Es hat den Anschein, dass Facebook's News-Strategie auf das Startfeld zurück muss und nicht einmal das Lokalnachrichten-Projekt allzu gut gelungen ist. Man weiß ja, wie das geht. Die armen Projektmanager haben immer Druck und der schon verkündigte Launchtag winkt bedrohlich am Horizont. Dennoch sollten wir uns nicht zu sehr entspannen. Das ganze Facebook-, Google-, Apple- und Microsoft-Bashing verstellt uns nur den Blick dafür, dass diese großen amerikanischen Software-Unternehmen Lernmaschinen sind, wie wir sie in Europa kaum haben.

Nicht perfekt halt, das ist gewiss und auch ein wenig tröstlich. Ganz harmlos wird es dadurch aber auch nicht, wenn man es genau bedenkt. Und Nachrichtenmagazine, Universitätsinstitute und Medienjournalisten, die solche Hintergrundberichte zu den global agierenden Web-Dienstleistungs-und-Medienunternehmen recherchieren könnten wie hier Wired haben wir in Europa auch nicht im Überfluss. Seien wir froh, dass ein Teil der amerikanischen Medien bei aller Zurichtung und Anpassung über die letzten 30 Jahre wenigstens manchmal weiter funktionieren und ihre demokratische Rolle wahrnehmen.

Man sollte auch nicht mit Mark Zuckerberg tauschen wollen. Gleichzeitig die Wallstreet, den Präsidenten, die großen Blätter und TV-Networks und ca. die Hälfte aller Trolle außerhalb von China und Russland im Nacken zu spüren, das kann nicht wirklich lustig sein. Aber morgen ist Ostersamstag. Darum sei nun Friede. Shabat Shalom!

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Der Ratzinger, die Homosexualität und die 68er

Joseph Aloisius Ratzinger aus Bayern, vormals ein Papst der römisch-katholischen Kirche, hat im Februar am Anti-Missbrauchsgipfel des Vatikans teilgenommen und dabei Notizen gemacht. In der Folge hat er wohl diese Notizen mit früheren Gedanken verknüpft und aus alldem für die April-Ausgabe des Bayerischen „Klerusblatts“ einen Aufsatz verfasst. Eigentlich ganz unbedeutend, aber natürlich ein Fressen für Berichterstattung, harmlose bis bissige Bonmots und simpel zu verfassende Kommentare in Medien vom Spiegel bis zum Visagebuch.

In dem Text fragt sich Ratzinger ganz ernsthaft, wie es in der ja eigentlich heiligengeistlich beschützten katholischen Kirche zu so einem flächendeckenden Missbrauchsphänomen kommen konnte. Als Hauptursache ermittelt er die Abwesenheit des heiligen Geistes und, weil in der christlichen Theologie der heilige Geist Gott und Gott zwar allumfassend aber trotzdem nicht schuldfähig ist, die (weltlich-westliche) Menschheit als Schuldigen an der Vertreibung des letzteren.

Im besonderen erwähnt er den sogenannten österreichischen Sexkoffer, die sexuelle Revolution, den Materialismus und die Erfinder von das alles, die sogenannten 68er, die bekanntermaßen ja auch für den Ruin von Post, Bahn, der verstaatlichen Stahlindustrie und an allem möglichen anderen vom Verfall der Werte bis zur "Ausländer Rein"-Bewegung die Verantwortung tragen.

Ratzinger ist Vergangenheit und die muss schon noch weiter verarbeitet werden, wie man sagt. Ich glaube aber nicht, dass sich die RKK in absehbarer Zukunft nochmals einen so bescheuerten Papst wie Ratzinger leisten wird. Wie das mit den Bischöfen in der Zukunft aussehen wird, ist ein wenig unklarer. Die waren in der Vergangenheit öfter mal über dem Durchschnitt gescheit aber nicht selten mit riesigen blinden Flecken und einem krass verzerrten Weltbild "gesegnet". Und das hat nolens volens Konsequenzen.

Mir ging, während ich über all diese sehr humanistischen Äußerungen und lustigen Kommentare gestolpert bin, meine Jugend in Vorarlberg durch den Kopf. Heutzutage habe ich nur mehr selten - und dann meist sehr freundliche aber recht oberflächliche - Begegnungen mit der RKK. Damals aber griff sie vom 5. bis zum 15. Lebensjahr schon noch ziemlich in meinen Material-Boy-Alltag ein.

Meine kursorischen Notizen zur "Kirche zum Anfassen"

Ich dachte mir zum Beispiel: Ist doch wohl alles nix gegen den früheren gütigen Marianums-Rektor und nachmaligen Vorarlberger Bischof Elmar Fischer, der im Regionalradio-Interview Homosexualität schon mal zwar für eine Krankheit, dafür aber gleichzeitig auch für heilbar hielt. Fischer war von 1970-1982 Rektor des diözesanen Studieninternates Marianum in Bregenz, 1974-1990 Direktor der staatlich anerkannten diözesanen Lehranstalt für Ehe-Familien- und Lebensberater; 1979-1990 Leiter des Ehe- und Familienzentrums der Diözese Feldkirch.

Nach meinen eigenen - natürlich leicht verzerrten - Erinnerungen hat Fischer in seiner Aufsichtsfunktion zwar eher indirekt aber dafür ganz ordentlich zur themen-entsprechenden Herrichtung eines gewissen Teils des dortigen Kaplan- und Pfarrer-Nachwuchses beigetragen. Elmar Fischer kam später wegen seiner Anmerkungen über "gesunde Watschen" unter Druck. Die bewirkten nämlich, dass den vielen solchen, die er in seinen Funktionen in der Kirche und bei den Pfadfindern verteilt hatte, eine Zeitlang nachgegangen wurde, aber - soweit ich weiß - nie wegen Sexualmissbrauchsvorfällen in seinem Wirkungsbereich. Er war diesbezüglich nach meinem Wissensstand auch kein Täter aber sicher mindestens ein Wegseher.

1973 war das Jahr, als ich zum ersten Mal dieses Problem der vielleicht immer noch bedeutsamsten Organisation der Welt mitgeschnitten habe und zwar durch Erzählungen von Klassenkameraden, die während des Schuljahres im Marianum lebten. Und ich war damals nicht der Einzige, der mindestens einige der Opfer und ihre Eltern für irgendwie mitbeteiligt und den diskreten Austritt aus der Institution für die beste Lösung hielt. Aus meiner gemischten Externats- und Internats-Klasse haben es bis zur Sechsten mehr als die Hälfte der Mitschüler geschafft, ihren katholischen Eltern den Austritt abzuringen. Und keiner ging zur Polizei, außer einer. Der wurde von den intern Verbliebenen nach der Matura als einziger nicht Priester sondern Polizeioffizier.

Meine Gedanken zur journalistischen Aufarbeitung

Als mein Pate und Onkel, wie Fischer auch Mitglied der hiesigen Bischofskonferenz, in einem Gegeninterview des gleichen Regionalradio-Senders meinte, dass der Kollege vielleicht einmal auch neuere Fachliteratur zur Hand nehmen solle und dass in einem Ländchen mit 600 Kirchen und Kapellen unter Umständen doch genügend Platz für ein 2. oder gar 3. Minarett sein sollte, hagelte es von klarnamenfreien Todesdrohungen bis zu klarnamengeregelten Anwürfen und Schmähungen alles - und das in rauhen Mengen.

Das irgendwie liberale Interview nützte meinem Onkel gar nichts, weil kurze Zeit später aufgedeckt wurde, dass er als Chef eines Klosters und Internats, in dem mehr als ein Missbrauch stattfand, im Jahr 1982 zumindest Beihilfe zur damals von den Eltern des Betroffenen mitgetragenen und - wie ich glaube - gewünschten erfolgreichen Vertuschung geleistet hatte. Man kann sich vorstellen, dass sein bis dahin makelloser Ruf nachhaltig ruiniert war und zudem die Nerven seines Nachfolgers ebenso nachhaltig ruiniert wurden. Jener war zum Zeitpunkt des ersten verhandelten Vorfalls noch gar nicht geboren und beim letzten Ereignis ein 12-jähriger Junge in Südafrika. Das Opfer wiederum war nach Aussage seines Anwalts beim ersten Vorfall 14 und beim letzten 28 Jahre alt.

Sein Vorgänger habe ihm über den Täter und dessen Vorgeschichte nichts hinterlassen und in den Personalakten sei auch nichts ersichtlich gewesen sagt mein Onkel und ich neige dazu, ihm das zu glauben. Geahnt hat er sicher etwas, das taten damals viele. Es gab ja immer auch kleine "harmlose" Probleme mit "grauslichem" Verhalten von "Einzelnen" in diesen Instituten. Anpassung an die Umwelt verhinderte aber stets eine "allzu scharfe" Bekämpfung der Sache und der Täter.

Meine persönliche Haltung und Einschätzung dazu

Mir ist irgendwie schon in den 70er Jahren vieles an der RKK ganz und gar nicht verständlich und zuweilen auch richtig widerlich gewesen. Eines sah ich aber auch damals schon so: Für das Leid der vielen im Rahmen von organisierten Religionen Missbrauchten, sei es durch prügelnde katholische und buddhistische Mönche, Nonnen, Lehrer, Rabbiner und Imame oder durch allzu kinderliebende, häufig gleichgeschlechtlich orientierte Funktionäre dieser religiösen Organisationen tragen eindeutig die Eltern der Betroffenen die Hauptverantwortung.

Die sind in meinen Augen einfach viel mehr verantwortlich für ihre Kinder als jeder Lehrer oder jede sonstige institutionelle Aufsichtsperson und dafür, dass das alles passieren konnte. Es beginnt damit, dass sie ihre Kinder in solche Ski-Gymnasien, Ballet-Akademien, Elite-Schulen und Internate stecken, es geht über das Nicht-Ernst-nehmen von Kinderworten und anderen Signalen und reicht bis zur regelmäßigen Veranlassung von und Mitwirkung an Vertuschungen. Das macht die Täter nicht weniger schuldig und lässt deren Verantwortung nicht verschwinden. Es muss dennoch einmal gesagt und geschrieben werden.

"Der Verfahrenshelfer des Opfers erklärte, sein Mandant sei von seinen Eltern in gutem Glauben in die Obhut des Klosters gegeben worden." stand bei der Aufdeckung in der APA und vielen österreichischen Medien. Ich kenne niemanden, der ausreichend mit solchen kirchlichen Einrichtungen in den 60er und 70er Jahren zu tun hatte, der nichts über Gewalt und Missbrauch (muss nicht sexuell sein) in solchen Institutionen wusste. Wer sein Kind in ein Internat steckte, akzeptierte natürlich nicht direkten sexuellen Missbrauch, anderen Missbrauch aber durchaus. Dieser Aspekt kommt bei unseren aufgeklärten heutigen Journalisten und anderen Posterinnen einfach viel zu wenig nicht vor.

Sie stürzen sich allzu gerne auf die medial schon bekannten Protagonisten und sind bei den vielen Mitwirkenden auf dem Eigengruppen-Auge blind und denkfaul, auf dem Fremdgruppen-Auge dagegen arrogant und unkritisch kritisch. Mein guter Onkel hatte sicher auch solche blinde Flecken und wahrscheinlich nicht zu knapp, das macht aber das andere nicht besser.

Für's richtige Kennenlernen der echten 68er bin ich zu jung. Dani Cohn-Bendit und Joschka Fischer kenn' ich nur aus dem Fernsehen und Ulrike Meinhof sowie Gudrun Ensslin nur aus Büchern und ganz wenig Archivmaterial. Aber auch vieles an der "humanistisch-demokratischen" Linken der 70er und 80er Jahre konnte ich schon damals und kann ich bis heute nicht verstehen. Ihr geht irgendwie ab, was Alain Finkielkraut einmal als "Denken bis es wirklich weh tut" bezeichnete.

Die 68er sind zum schönen Teil schon in Pension. Die mehr rechten und die mehr linken Post-68er, zu denen ich selbst gehöre und die gerade noch auf vielen einflussreichen Positionen sitzen, die kann ich irgendwie gar nicht mehr so gut unterscheiden, manchmal nicht einmal, wenn ich ihre Vergangenheit kenne. Aber abgesehen von eher wenigen - man denke nur einmal an Otto Mühl - begingen wir die sexuellen Grauslichkeiten, die nicht so selten waren und sind, doch mehr unter uns sogenannten Erwachsenen.

Wir waren ja nicht zum Zölibat verpflichtet und wollten die Monogamie nicht nur für die Männer sondern nun auch für die Frauen aufgehoben wissen. Meine Gefühle zum Phänomen des weltweiten Kindesmissbrauchs aber auch zu seiner medialen Aufarbeitung konnte und kann ich aber leider nur so ausdrücken: Wäähhhh!

PS: Den sogenannten Sexkoffer hat der erwähnte Onkel im Gegensatz zu meinem anderen - sozialdemokratischen - Onkel bei Kaffeejausen in der zum Teil auch recht konservativen Verwandtschaft immer demonstrativ befürwortet. Vielleicht, weil er schon in seinen ersten Jahren als Klosterleiter mit solchen Sachen konfrontiert war. Oder vielleicht, weil er trotz Soutane auch so ein heimlicher Prä-68er-Zweites-Vatikanum-Fanatiker war. Wie sagt man? Alles ist möglich.

Und die Homosexualität, ja die kommt in der sogenannten Natur einfach recht häufig und gerne vor.

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2000 - Die Zukunft erfinden

Am Donnerstag, 21.3.2019 brachte der WebStandard eine Story mit dem Titel "Doku von 1972 zeigt, wie absurd man sich damals die Zukunft vorstellte" über eine im Oktober 2010 von RetroTV87 auf YouTube gestellte Sendung des ZDF von 1972, mithin damals 37 und jetzt 47 Jahre alt. Die TinyTalk-Redaktion hätte von diesem Video und dem Artikel allerdings gar nichts mitbekommen, hätte mich meine gute Freundin K. nicht mittels eines Links und einer Empfehlung aufmerksam gemacht und mich quasi hinbugsiert. Danke an goldchen also!

In dieser fiktiven Dokumentation mit dem Titel "Richtung 2000 - Vorschau auf die Welt von morgen" stellte das ZDF vor, wie es sich das Leben in damals 28 Jahren in der Zukunft vorstellte. Der Inhalt des Artikels ist zum Glück dann doch ein wenig differenzierter als der Titel es befürchten lässt. Im Text nimmt die Redaktion nämlich schon zur Kenntnis, dass "Richtung 2000" durchaus Trends auch richtig eingeschätzt hat. Der folgende zusammenfassende Absatz zeigt aber auch schön, wie Begriffe das Verstehen fördern oder verhindern können.

Richtige und falsche Vorschau
"Richtung 2000" pendelt zwischen teils absurden und teils recht akkuraten Prognosen wahlweise eutopischer und dystopischer Natur. Manche sind bereits eingetreten – wenn auch in anderer Form. Das Internet hat man zwar nicht vorausgesehen, doch Smartphones, smarte Lautsprecher mit Displays und kostengünstigen Zugang zu Programmfernsehen und Video-on-Demand gibt es heute ebenso wie frei herumstehende Mietautos.

Dass man das "Internet" und seine Wirkungen nicht voraussehen konnte, ist ein recht gängiger Mythos. Das Gegenteil ist der Fall. Seine Möglichkeit und Machbarkeit wurde schon in den frühen 60er Jahren von wichtigen Leuten an den richtigen Orten klar erkannt und konsequenterweise sein Aufbau planmäßig in die Wege geleitet:

J.C.R. Licklider, the first director of the Information Processing Techniques Office (IPTO) at The Pentagon's ARPA, used the term in the early 1960s to refer to a networking system he “imagined as an electronic commons open to all, ‘the main and essential medium of informational interaction for governments, institutions, corporations, and individuals.’”
Wikipedia Artikel "Intergalactic Computer Network"

Im Jahr 1972 gab es auf der Welt schon jede Menge Netzwerke und Datenverbindungen, sogar schon als kommerzielle Angebote und das wussten auch die Wissenschaftsjournalisten beim ZDF. Was das ZDF und auch sonst nur wenige Leute voraussehen konnten, war, dass ein britischer Physiker und wissenschaftlicher Computer-Spezialist namens Berners-Lee das Konzept Hypertext so radikal vereinfachen und gleichzeitig mit einem ebenso einfachen Netzwerkprotokoll verbinden würde, dass er es überall an Unis demonstrieren konnte.

Dabei wurde vielen Teilnehmern an den Demonstrationen auf der Stelle klar, dass sie mittels einfacher PCs und Programmierwerkzeuge leicht einsteigen und weitere Verbesserungen machen konnten. Als dann das CERN 1993 noch HTTP und HTML zur public domain erklärte und das das World Wide Web in der Folge "explodierte" und als Basisarchitektur die Teilnahme aller am Internet bis heute ermöglichte und beschleunigte, das haben viele von uns live miterlebt. Man sollte also weder begrifflich noch sachlich das WWW mit dem Internet verwechseln.

Wisdom of the Posters

Der Story folgen zum Zeitpunkt unserer Lektüre 654 Postings des Publikums. Und wiewohl das meiste wie üblich lahme Witzchen, kleine Dummheiten und falsch fokussierte und mittelmäßig formulierte Aphorismen sind, zeigt das Forum zeigt dennoch auch sehr schön, dass es als Plattform durchaus in der Lage ist, Wissens- und Einschätzungsbeschränkungen einer Redaktion zu korrigieren. Und das, obwohl gerade die Redaktion des Webstandard seit Abschaffung der ORF-Futurezone die österreichische Speerspitze der Netzberichterstattung ist und sich ja ständig professionell mit der Geschichte, der aktuellen Entwicklung und den Zukunftstrends der Computing- und Networking-Welt befasst.

So schreibt "urban-a" im Forum:
Und wo ist das bitte absurd?
- Elektroauto mit Münzeinwurf? -> car2go halloo?
- Fernseher wo mich eine frau weckt? -> persönlicher Assistent Siri und Co
- Schaltpult um leben in die wohnung zu bekommen -> Smart Home

Diese Person scheint ein besseres Gefühl als die Redakteurinnen dazu entwickelt zu haben, welche Dinge in so einer Rück-Vor-Schau wichtig sind und was die sekundären Details sind. Das ZDF hat 1972 tatsächlich den Rückgang der Bedeutung von Münzen nicht vorausgesehen und konnte nicht ahnen, dass man zwar nicht im Jahr 2000 aber wenig mehr als 10 Jahre danach nicht nur das Mietauto mit einer Smartphone App öffnen und bezahlen würde, sondern auch viele elektronische Gegenstände in Wohnung und Haus damit steuern würde können.

Andererseits schreibt "Rotzbua aus da Josefstodt":
"Die 25-Stunden-Woche ist zur Norm geworden, ebenso der Ruhestand mit 50 – als Folge der voranschreitenden Automatisierung."

Das wäre schon längst möglich, Stichwörter: Automatisierung und ökonomische Wirtschaft. Allein, das obere Prozent der profitsüchtigen, neoliberalen Raubtierkapitalisten verhindert diese Entwicklung und hält die restliche Menschheit weiter als Arbeitssklaven welche ihnen ihr Leben im Überfluss erarbeiten.

Auch hier legt einer den Finger auf eine wichtige Sache. Viele, die sich damit befassten, konnten 1972 sehen, dass die Steigerung der Produktivität durch bessere Steuerung und der Übergang von der Fabriks- in die Wissensgesellschaft eine radikale Verkürzung der (Lebens-)Arbeitszeit nahelegen würde. Dass unsere Politiker und Manager und mit ihnen große Teile der Bevölkerung diesen Gedanken und diese Faktenlage nicht verarbeiten können und seit 1972 und bis heute der Trend da global gerade in die andere Richtung geht, steht auf einem ganz anderen Blatt.

Und damit das auch klargestellt ist: Die sogenannten "neoliberalen Raubtierkapitalisten" sind an diesem falschen Trend zwar beteiligt, aber bei weitem nicht seine einzige Ursache und Profiteure. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass manchen Unternehmen, vor allem in Kalifornien das das Richtige erkennen und teilweise auch umsetzen.

Übersehen

Eine ganz realistische Passage aus der Sendung zitiert der Artikel garnich und kein Posting aus dem Forum komplett, jedenfalls so weit ich mich da durchgewühlt habe.

Die Welt des Jahres 2000 existiert noch nicht. Aber sie könnte existieren, die technischen Voraussetzungen dazu sind vorhanden. Die Zukunft gibt es als Versuchsausführung, in Labors oder auf Ausstellungen. Es gibt Herrn W.s Wohnung, das Elektromobil, den schnellen Zug. Es gibt die Rechenzentren, die ein gewaltiges Wissen gespeichert halten.

Auch dazu äußert "warp.faktor" im Forum interessante Gedanken
Genau genommen ...
... sind nur die sozialen Fortschritte ausgeblieben.
Kaum jemand hätte sich damals wohl vorstellen können, dass wir 47 Jahre später doppelt so teure Autos kaufen, die nur 200-300 km weit fahren können und dafür mehrere Stunden zum "tanken" benötigen.
Vermutlich hätte damals auch keine geglaubt, dass 2019 Fahrräder (ohne Motor!) gekauft werden, die teurer als Autos sind ...

Was soll man zu alldem sagen? Die kommende Revolution war 1972 offensichtlich schon sehr sichtbar und trotzdem ist die Menschheit blind hineingestürzt. "Richtung 2000 - Vorschau auf die Welt von morgen" befasst sich auch mit der Frage, wie wir 2000 regiert werden würden und sagt bezeichnenderweise und richtig voraus, dass die parlamentarische Demokratie sich schwer tun würde, mit der Geschwindigkeit und Radikalität dieser Revolution mitzuhalten.

Auch die Biochemie entwickelt sich

Ein weiterer kleiner Satz dagegen, den der Webstandard sehr wohl zitiert, hat auch unsere Aufmerksamkeitsschwelle überqueren können: Wer es nicht schafft, abseits der Arbeit ausreichend Erfüllung zu finden, dem bleibt noch Optimum 10 – ein schnellwirkendes Medikament gegen Depressionen aller Art, das den Alltag wieder schön erscheinen lässt.. Dazu sagen die Spezialisten in der TinyTalk-Redaktion nur: Schaut Euch mal die Prozac-Verkaufszahlen für den nordamerikanischen Kontinent an. Nuff said.

Immerhin haben Gesellschaft, Politik und Wirtschaft es geschafft, die von "Richtung 2000" vorausgesagte Zerstörung unserer Seen und Flüsse zu stoppen und die Wasserverschmutzung ganz weit hinaus in die Ozeane zu verschieben.

Der "Ingenieur" als Prophet

Am Ende erlauben ich mir noch, den von uns in der TinyTalk Redaktion sehr verehrten, weil gescheiten österreichisch-ungarisch-britischen "Erfinder" der Holografie, Dennis Gabor (Günszberg Dénes) gleich zweimal zu zitieren. Vielleicht erhellt daraus ein wenig. Ich gebe die Hoffnung nicht auf.

The future cannot be predicted, but futures can be invented. It was man's ability to invent which has made human society what it is.
Dennis Gábor, Inventing the Future (1963), p.161

Für die Mehrheit der Menschen ist Arbeit die einzige Zerstreuung, die sie auf Dauer aushalten können.
Quelle leider nirgendwo vermerkt

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last updated: 10.09.19 07:12
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Und noch etwas
Die Schutzkleidung ist ein großes Problem. Sie verhindert allzu oft, dass mann mit andere Säugetieren gut umgehen kann.
by StefanL (26.05.19 07:09)
Yeah
U get 1 big smile from me 4 that comment! And yes, i do not like embedded except it is good like this. It's like....
by StefanL (19.05.19 16:30)
Mustererkennung
Just saying. #esc #strachevideo pic.twitter.com/OIhS893CNr— Helene Voglreiter (@HeeLene) May 19, 2019 (Sorry, falls embedded asocial media unerwünscht ist…)
by tobi (19.05.19 10:57)
Yeah
That's an adequate comment! Und das erste Zitat ein ganz besonders tolles Beispiel für den "Umschlag von Quantität in Qualität".
by MaryW (15.05.19 19:57)
...
In the future everyone will be famous for fifteen people. – Momus You’ll always be a planet to me, Mr Bacchus. – Charon Fußnote! Find....
by tobi (15.05.19 14:07)
Now
I think I maybe know what you meant. It is the present we know best and the future we invent. And history is mostly used....
by StefanL (13.05.19 00:55)
...
???
by StefanL (05.05.19 21:15)
...
what about hindsight is 20/20?
by tobi (05.05.19 14:00)
Ja echt.
Vielleicht schaffen wir es aber ja wieder einmal auf ein Konzert zusammen.
by StefanL (01.05.19 05:55)
...
oh schade, verpasst…
by tobi (30.04.19 09:07)
...
Als ethnische Gruppe bezeichnete Max Weber eine "Menschengruppe, welche auf Grund von Ähnlichkeiten des äußeren Habitus oder der Sitten oder beider ... einen subjektiven Glauben....
by StefanL (28.04.19 07:28)
vielleicht aber
hat er auch während des Moderierens seinen Text sozusagen live in die Wikipedia kopiert? (leider wird diese theorie durch überprüfung der datenlage nicht unbedingt erhärtet.)
by chris (30.03.19 09:08)
d'accord
👍
by misc (28.03.19 09:28)
...
Na, heute wird er nicht weinen, sondern die Korken knallen lassen. Aber bald wird er wieder weinen, nämlich wenn er mit Verspätung merkt, dass der....
by ArchibaldL (27.03.19 06:15)
...
mal sehen, ob Döpfner noch weint, wenn heute die Abstimmung im EUP gelaufen ist…
by tobi (26.03.19 08:42)
Großbritannien
wäre auch ein gutes Beispiel. Trotz Mehrheitswahlrecht Koalition. Aber Du hast insoferne natürlich schon recht, weil ja die 10-Parteien-Demokratie eher der Normalfall ist als die....
by StefanL (25.03.19 21:50)
...
das system zentralregierung ist mir ein rätsel. selbst oder vor allem nach der lektüre von e.p. thompson, "the making of the english working class". bin....
by motzes (25.03.19 19:31)
von hinten aufrollend
energy:harvesting energy is ein nettes konzept des letzten jahrzehntes, für energieschluckendes kleinvieh. wahlergebnisse:bei mehr antretenden parteien geht sich seltener eine absolute aus, odr? die geschichte....
by motzes (24.03.19 17:16)
Hmm
Wir haben Ihre Kritik jetzt doch ernst genommen und einen Satz und einen Absatz eingefügt. Da war wirklich trotz der sehr engen und kompetenten Zielgruppe....
by StefanL (24.03.19 08:29)
Danke
Was fehlt? Ist extra nach einer klassischen McLuhan-Bacon Regel elliptisch, damit die geneigte Leserin eigene Schlüsse ziehen und eigene Recherchen anstellen kann.
by StefanL (24.03.19 08:28)

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